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Besonders wichtig für die Entwicklung des Ortes Westheim war die Familie Holtey, welche mit Hilfe des heute leider nicht mehr existenten Mühlengrabens in Westheim die Mühle und das Elektrizitätswerk betrieb.

 

Meine Schwester und ich waren als Nachbarskinder oft bei "Onkel Karl und Tante Elise" und haben uns im Sommer durch den herrlichen Vorgarten gefuttert. Es gab Erdbeeren, Birnen, Äpfel, Pflaumen, Erbsen, Mören, Johannisbeeren, Stachelbeeren und nachmittags auch mal ein schönes Brot mit selbstgemachtem Johannisbeergelee. Ich schmecke es jetzt noch, wenn ich daran denke. Lecker !!! Da ich technisch sehr interessiert war, dürfte ich mich auch oft durch Onkels Karls Werkstatt wühlen, die alten Stromzähler auseinandernehmen und beim Reinigen des Schutzgitters vor dem Turbineneingang helfen. Karl war bis ins hohe Alter sehr interessiert an allen technischen Neuerungen und lieh sich sogar bei mir einen Heimcomputer (Sinclair ZX Spektrum) aus, um "sich das mal anzusehen". Man muss bedenken, dass der Mann da schon ca. 90 Jahre alt war. Im Gegenzug erfuhr ich viel aus seiner Geschichte und las mich durch sein altens Dorfschulheft, welches neben dem Lied für den Kaiser und ein paar Kirchenliedern auch einige Seiten "Knigge" enthielt. Ich war beeindruckt, wie wenig im Buch über Mathematik und Deutsch stand, wie viel Platze aber für Kirche, Knigge, etc. war. Leider ging das Buch verloren. Auch erinnere ich mich an Karls Spruch: "Mit ein paar kleinen Dellen ist es mir von der Kindheit bis ins Alter immer etwas besser ergangen. Denk an meine Wrote, bei euch wird es umgekehrt sein." Manchmal hat man das Gefühl, er soll wohl Recht behalten. Die Westheimer Bevölkerung wird sich auch immer an das Bild erinnern, wenn "Onkel Karl", der alte Herr Köhler (Schmiede) und Jesper Senior (Modegschäft) in der Hauptstraße vor Köhlers Schmiede auf der Bank saßen und das Treiben an der B7 beobachteten und kommentierten. Leider finde ich das Bild dazu nicht, welches ich einmal hatte...

 

Als das alte E-Werk an der Mündung des Mühlengraben in die Diemel verkauft wurde, gab es noch eine sehr interessante Informationsveranstaltung in dem Gebäude. Herr Wilfried Holtey, Betreiber der neuen Stromgewinnungsanlage am Wehr, hat uns dazu die folgenden Informationen zu der Veranstaltung zur Verfügung gestellt:

 

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100 Jahre Strom in Westheim

 

Jubiläumsfeier in Westheim am 02.09.2006

Vor 100 Jahren wurde in Westheim der erste Strom erzeugt. Dieses Jubiläum feiert die Fa­milie Holtey am 02.09.2006.

Bereits um 1900, fasste der Müller Wilhelm Holtey (1871 -1952) den Ent­schluss, mit dem Wasserrad seiner Getreide­mühle auch Strom für den Ort Westheim zu erzeugen. 1906 war es dann so weit: das Westheimer Elektrizitäts­werk lieferte den ersten Strom. Es bestand damals neben dem Wasserrad aus ei­nem Gleichstromdynamo, einer Akkumulato­ren­batterie, der zugehörigen Schaltanlage und einem zunächst noch sehr kleinen Ortsnetz.

 


erster Strom im Westheim: Generator von 1906

 

Vorrangiges Ziel war damals die Installation einer öffentlichen Straßenbeleuchtung. In der Folgezeit fanden Handwerksbetriebe schnell Gefallen an der neuen Energieform. Nach und nach ließen sich auch immer mehr private Haushalte versorgen. Der Strombedarf stiegt stetig an. Zu seiner Deckung vergrößerte Wil­helm Holtey sein Elektrizitätswerk immer wie­der: 1919 errichtete er am Ende des Westhei­mer Mühlengrabens ein zweites Wasserkraft­werk.

 

Ehemaliges Wasserkraftwerk „An der Diemel 6“.
Hier wird am 02.09.2006 gefeiert.

 

1928 schaffte er ein Dieselaggregat an. In der Folgezeit wurde die Leistung der beiden Was­serkraftwerke mit besseren Turbinen erhöht. Bis Ende 1958 konnten Wilhelm Holtey und seine Söhne den Ort Westheim mit Strom ver­sorgen.

Zum 1. Januar 1959 übernahmen dann die VEW die Stromversorgung von Westheim. Das Stromnetz wurde zu diesem Termin von Gleichstrom auf Wechselstrom umgestellt. Die Wasserkraftwerke in Westheim speisen seit diesem Termin in das öffentliche Stromnetz der VEW (heute RWE) ein.

Nun jährt sich die erste Stromerzeugung in Westheim zum 100. Mal. Grund genug für Familie Holtey, dieses Jubiläum mit einem Fest zu begehen:

Jubiläumsfest am 02.09.2006:

Ab 10:00 haben Interessierte die Gelegenheit das neue Wasserkraftwerk am Westheimer Wehr zu besichtigen.

Ab 12:00 findet die eigentliche Feier mit Aus­stellung „An der Diemel 6“ statt, auf dem Ge­lände des früher sogenannten „E-Werk“ statt. In den ehemaligen Betriebsräumen werden historische Geräte und Dokumente ausgestellt.

 

historische Instrumente

 

Fernen sollen auch Elektrogeräte aus der An­fangszeit der Elektrifizierung zu besichtigen sein. Hier fragt die Familie Holtey an: Wer hat historische Elekt­rogeräte, die anlässlich der Feier gezeigt wer­den könnten, als Leihgabe für die Dauer der Ausstellung. Kontakt:Winfried Holtey, 05251/480555.

Wie es sich für ein solches Fest gehört, ist für das leibliche Wohl gesorgt (zu ermäßigten Preisen).

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Über dieses Haus

 

Dieses Haus „An der Diemel 6“ früher „Westheim Haus Nr. 194“ wurde 1919 von unserem Großvater für den Betrieb einer Turbine gegründet.

1928 wurde das Haus um einen Querriegel verbreitert. In diesem Querriegel waren ein Dieselaggregat und eine Akkumulatorenbatterie untergebracht. Das Dachgeschoss beherbergte eine Schreinerei.

Diese Schreinerei und damit der Dachstuhl brannte 1931 aus. Der Dachstuhl wurde neu aufgebaut und erhielt damals schon seine heutige Form als Krüppelwalmdach.

1936 wurde die Turbine im Haus durch eine neue Franzisturbine der Firma Voith ausgetauscht. Dazu wurde vermutlich auch der Zulaufgraben geändert.

 

 

 

1948 wurde das Haus um ein Geschoss aufgestockt. Nach dem Krieg mangelte es akut an Wohnraum. So konnten im Haus zwei Wohnungen im Ober- und Dachgeschoss eingerichtet werden.

1953 kam der Anbau auf der Westseite für die Ossberger-Turbine hinzu. Einige Jahre später wurde dieser Anbau um einige Steine angehoben, damit über der Turbinenanlage ein Stauraum entstand. Dieser Zustand blieb bis 2004 so erhalten.

Seit 2002 sind die Turbinen endgültig stillgesetzt. Die Anlagen werden nun seit 2004 zurückgebaut.

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Mühle

 

Daten der Anlage

Turbinenart:       Franzis-Schachtturbine mit stehender Welle

Hersteller:           Neumann, München (gibt es nicht mehr)

Baujahr:              1908


zur Geschichte der Turbine:

Die Turbine stammte ursprünglich aus „der großen Mühle“ in Hasede bei Hildesheim. Dort wurde sie ausgebaut und als gebrauchte, damals ca. 25 Jahre alte, Turbine in der Westheimer Mühle wieder eingebaut. Der Kontakt zur Haseder Mühle kam wahrschein­lich durch die Großmutter zustande, denn sie stammte aus Himmelsthür bei Hildesheim.


Projektierte Daten 1933:

Gefälle:                                                              1,8 m

max. Durchfluss:                                                        2,6 m3 / s

Wirkungsgrad bei Volllast:                               79 %

mech. Leistung:                                                49 PS = 36 kW

daraus zu erwartende elektrische Leistung: 30 kW

Drehzahl:                                                           70 U /min


tatsächliche Daten:

Gefälle:                                                    ca.    1,5 m (bis in die 70er Jahre)
                                                                  ca.    1,2 m (90er Jahre)

max. Durchfluss:                                              ca.    2,5 m3 / s

erzielte elektrische Leistung:                 max.          20 kW (bis in die 70er Jahre)
                                                                  max.12 kW (90er Jahre)

daraus zurückgerechneter Wirkungsgrad:    67 % (bis in die 70er Jahre)
                                                                  ca.    50 % (90erJahre)

Jahresstromerzeugung:                         bis    100 000 kWh (60er Jahre)
                                                                  ca.    20 000 kWh (90er Jahre)

Bei der Projektierung der Anlage war mein Großvater offensichtlich zu optimistisch be­züglich des nutzbaren Gefälles. Vermutlich hat er das Grabengefälle zu gering angesetzt. Bei der Planung wurde ferner eine später zu genehmigende Wehrerhöhung um 30 cm berücksichtigt. Damit hätte die zu erwartende elektrische Leistung 36 kW betragen.

Die erwartete Leistung wurde bei weitem nicht erreicht. Auch der projektierte Wirkungs­grad wurde nicht erreicht, er lag aber zumindest anfangs noch in dem Rahmen, der für eine gebrauchte Turbine dieses Baujahrs zu erwarten war.

Als ich die Anlage 1998 übernahm lag der Wirkungsgrad nur noch bei ca. 50 %. Dafür gab es mehrere Gründe: Die Turbine war zwar noch intakt aber schon erheblich ver­schlissen. Durch Probleme mit dem Obergraben war nicht mehr die volle Stauhöhe mög­lich. Die Sohle des Untergraben hatte sich durch Ablagerungen erhöht. Insgesamt ging so ein erheblicher Teil des Gefälles verloren. Für dieses verringerte Gefälle war dann die Drehzahl (sie wird durch, Getriebe, Generator und Netzfrequenz vorgegeben) nicht mehr optimal und der Wirkungsgrad nahm auch dadurch weiter ab.


Übersetzung:

Kegelrad-Winkelgetriebe von Wülfel und Riementrieb von 70 U/min auf 1030 U/min


Generator:

bis 1959:   Gleichstromdynamo, Leistung geschätzt 30 kW
ab 1959:    Asynchrongenerator, 1030 U/min, 22 kW


Schaltanlage:

1933:                  Schaltanlage für Inselbetrieb
ab 1959:    Schaltanlage zur Einspeisung in ein Drehstromnetz
Erfahrungen mit der Anlage

Betrieb

Die Anlage wurde manuell betrieben. Den größten Arbeitsaufwand forderte die Reinigung des Einlaufrechens mit einer Putzharke. Das Reinigungsintervall hing vom Schwemm­gutaufkommen ab. Im Sommer genügte es, den Rechen zweimal täglich zu reinigen. Im Herbst oder im Winter bei einsetzendem Hochwasser war mindestens eine stündliche Reinigung notwendig. Zeitweise musste stillgesetzt werden.

Weiter war die Öffnung der Turbine per Hand einzustellen. Bei zu kleiner Öffnung läuft Wasser vorbei oder es wird zu hoch gestaut, bei zu großer Öffnung  fällt der Oberwas­serpegel ab. In beiden Fällen geht Leistung verloren. Eine optimale Einstellung ist manu­ell kaum möglich. Meistens hat man die Öffnung etwas zu klein gewählt und etwas Was­ser vorbei laufen lassen.

Insgesamt lag der Arbeitsaufwand für den Betrieb der Anlage bei weniger als 1 Stunde pro Tag im Sommer bis hin zu mehreren Stunden täglich im Winter. Im Winter musste zudem der Mühlengraben enteist werden.

Solange die Mühle betrieben wurde (bis 1972), waren genügend Leute vor Ort zum Be­trieb des Wasserkraftwerks. Danach wurde der Betrieb für meine Vorfahren sehr mühsam und war eigentlich nicht mehr rentabel.


Wartung:

Die Turbine neigte dazu, sich mit Schwemmgut zu zusetzen. Dadurch ging Leistung ver­loren. Von diesem Schwemmgut wurde die Turbine meistens zweimal jährlich gereinigt. Für eine optimale Energieausbeute hätte man wesentlich häufiger reinigen müssen (zeit­weise wöchentlich). Ferner rostete die Leitapparatverstellung regelmäßig fest. Die Tur­bine ließ sich dann nicht mehr regulieren. Zum Wieder-gängig-machen, musste das Was­ser aus dem ge­samten Mühlengraben abgelassen werden, die Turbine wurde zerlegt, gefettet und wie­der zusammengebaut. Dies war jeweils Arbeit für zwei Leute für ein bis zwei Tage. Diese Arbeit wurde etwa alle 5 Jahre fällig, wurde aber nicht immer ausge­führt.

Die übrigen Anlagenteile des eigentlichen Kraftwerks waren wartungsarm: Lager schmie­ren, Riemen fetten usw. Der Unterhalt des Mühlengrabens und der Wehranlage hingegen war stets sehr arbeits­intensiv.


Reparaturen:

Soweit ich mich erinnern kann, hat es nur wenige Reparaturen gegeben.

Das Führungs-Lager der Turbine wurde ersetzt. Es ist zu vermuten, dass die Turbine durch das verschlissenen alte Lager zuvor Schaden genommen hat (zu großes Lager­spiel führt dazu, dass das Laufrad am Außenmantel schleift und so verschleißt).

Der Zahnradsatz des Kegelradgetriebes musste getauscht werden. Dies war sehr teuer, die Reparatur hat den Erlös von zwei Jahren Stromerzeugung verschlungen!


Verschleiß:

Die Turbine hat über 90 Jahre Betriebszeit sehr gut überstanden. Neben einer sehr soli­den Konstruktion, liegt das daran, dass durch den langen Mühlengraben nur wenig Sand und Kies bis zur Turbine gelangt ist.

Die Turbine könnte nach einer Generalrevision noch viele Jahre weiterbetrieben werden. Das Teuerste an einer solchen Generalrevision wäre der Aus- und Wiedereinbau des Laufrades. Mit einem überschaubaren Aufwand könnte die Turbine wieder in einen ähn­lich guten Zustand wie 1933 versetzt werden. Dies lohnt sich aber deshalb nicht, weil die Turbinentechnik nach 1908 noch deutlich verbessert wurde (siehe Schautafel zur Voith-Anlage).

Wie alles in der Westheimer Mühle begann

Schon sehr früh plante unser Großvater, mit seinem Wasserrad Strom zu erzeugen und ein Ortsnetz aufzubauen. Die ersten Angebote dazu datieren auf das Jahr1900.

1906 erzeugte er mit seinem Wasserrad den ersten Strom.



Ausrüstung der Anlage von 1906
Wasserrad:                  Durchmesser 4,5 m, Breite ca. 1,8 m


Elkektrotechnische Ausrüstung 1906:
(laut Angebot der Lahmeyer vom 3.04.1906):

Dynamo:                     11 kW, 1350 U/min, 230/300 V Gleichspannung  
                                      1254 Mark

Blei-Akkumulator:     120 Zellen mit 54 Ah                                                
                                      2252 Mark

Schaltanlage:             Schalttafel in Marmor                                               

                                      Sicherungen
                                      Spannungsmesser, Strommesser
                                      Zellenschalter für den Akkumulator
                                      400 Mark

Montage                      450 Mark zuzügl. Leistungen durch Bauhandwerker

Leitungsmaterial für Motoren und Beleuchtungsanlage: insgesamt ca. 600 m Draht
Montagezubehör für Leitungen
 

Gesamtpreis der elektrotechnischen Ausrüstung: 5000 Mark

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Ossberger:

 

Daten der Anlage

Ossberger-Durchström-Turbine mit Teilung 1/3, 2/3
Hersteller:                              Ossberger
Baujahr:                                 1952
Gefälle:                        ca.    2,90 m       (zuletzt 2,40: verringerte Stauhöhe)
max. Durchfluss:                   1,8 m3 / s   (1,6 m3 / s bei der verringerten Stauhöhe)
Wirkungsgrad:                       Herstellerangabe: mind. 80 %, tatsächlich: ca. 75 %       
Drehzahl:                               105 U/min
mech. Leistung:                    Herstellerangabe: 42 kW (57,5 PS)
elektrische Leistung:   max.  32 kW
Jahresstromerzeugung:       max.180 000 kWh (zuletzt: ca. 120 000 kWh)

Übersetzung zum Generator
Flachriementrieb mit Sieglingriemen von 105 U/min auf 625 U/min
Riemenscheiben: 2000 mm, 333 mm


Generator
Asynchrongenerator von Siemens, 40 kW, 625 U/min,

Schaltanlage
Schaltanlage zur Einspeisung in ein Drehstromnetz (Siemens)


Automatisierung
Jahns-Regler für Schnellstopp bei Lastabwurf und zur Leistungssteuerung nach Wasser­stand mit Schwimmer.

 

Erfahrungen mit der Anlage

Betrieb

Durch den Riementrieb lief diese Anlage so ruhig, dass das Geräusch in den Wohnungen oberhalb nicht störte.

Die Anlage wurde teilautomatisch betrieben. Über einen Schwimmer und einen Jahns­regler wurde der Oberwasserstand konstant gehalten. Der Regler stellte die Öffnung der Turbine genau passend zur Wassermenge ein. Ferner setzte sich die Anlage bei Lastab­wurf (Ausfall des Stromnetzes der VEW) selbsttätig still.

Der Rechen musste manuell gereinigt werden. Das Reinigungsintervall hing vom Schwemm­gutaufkommen ab. Im Sommer genügte es, den Rechen zweimal täglich zu reinigen. Im Herbst oder im Winter bei einsetzendem Hochwasser war mindestens eine stündliche Reinigung notwendig. Zeitweise musste ganz stillgesetzt werden.

Auch bei starkem Eisgang musste stillgesetzt werden. Ebenso bei Hochwasser, weil dann das Laufrad um Unterwasser watete und so abgebremst wurde.

Wartung:

Die Anlage war sehr wartungsarm. Halbjährlich waren Lager und Riemen zu fetten. Ein Riemen hielt etwa 15 Jahre. Jährlich wurde der Graben geräumt.

Reparaturen:

Das Laufrad musste 1960/61 und 1989 erneuert werden. Von 1980 bis 1989 wurden nach jedem Winter Schäden am Laufrad repariert. Die Konstruktion war 1952 offensicht­lich noch nicht ausgereift. Das letzte Laufrad von 1989 ist deutlich robuster ausgeführt. Andere Reparaturen sind uns nicht bekannt.

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Voith:

 

Daten der Anlage

Franzis-Schachtturbine mit stehender Welle, Turbinen-Nr. 12056
Hersteller:                              Voith
Baujahr:                                 1936
Gefälle:                        ca.    2,80 m      
max. Durchfluss:                           1,57 m3 / s         
Wirkungsgrad bei Volllast:            82 %
Drehzahl:                               135 U/min
mech. Leistung:                    Herstellerangabe: 37 kW (48 PS)
elektrische Leistung:            30 kW
Jahresstromerzeugung: zusammen mit der Ossberger-Turbine: max. 250 000 kWh


Übersetzung zum Generator

Präzisions“-Winkelgetriebe von Voith 135 U/min auf 1030 U/min

Generator
Asynchrongenerator von AEG, 32 kW, 1030 U/min,

Schaltanlage
Schaltanlage zur Einspeisung in ein Drehstromnetz (Siemens)


Automatisierung
Drees-Regler für Schnellstopp bei Lastabwurf und zur Leistungssteuerung nach Wasser­stand mit Schwimmer.

 

Erfahrungen mit der Anlage

Betrieb

Durch das Winkelgetriebe war diese Anlage sehr laut. Außerdem produzierte das Ge­triebe viel Wärme: durch eine Klappe in der Decke wurde die Wohnung oberhalb geheizt.
Wegen der Geräusche wurde nach 1953 überwiegend die Ossberger-Turbine verwendet.

Der Wirkungsgrad der Turbine war gut. Im Leistungsvergleich konnte sie mit der Ossber­ger-Turbine mithalten, obwohl sie 10 % weniger Wasser fasste. Der Auto­matisierungs­grad entsprach seit den 60-er Jahren dem der Ossberger-Anlage: Wasser­standreglung und Stillsetzen bei Lastabwurf. Der hauptsächliche Arbeitsaufwand bestand in der Reini­gung des Einlaufrechens (siehe Ossberger).


Wartung
Die Turbine musste mehrmals im Jahr von Schwemmgut gereinigt werden. Dies war ein erheblicher Nachteil gegenüber der Ossberger-Turbine, denn zur Reinigung der Turbine musste jeweils der gesamte Mühlengraben abgelassen werden.
Über sonstige Wartungsarbeiten ist mir nichts überliefert worden.


Reparaturen:

Anfänglich bereitete die Leitapparatverstellung Probleme. Mehrmals mussten Lagerbuch­sen und Bruchlenker ausgetauscht werden. Schäden treten hier auf, wenn sich Äste zwi­schen die Leitschaufeln setzen und die Leitschaufeln dann verstellt werden. Von sonsti­gen Reparaturen weiß ich nichts. Unsere Vorfahren waren mit der Qualität der Turbine sehr zufrieden.
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Johann Wilhelm Theodor Schulte-Holtey            9.1.1824 – 6.5.1881

Unser Urgroßvater stammte aus Beule bei Essen-Steele. Auch unsere noch älteren Vorfahren stammen aus der Gegend bei Essen: Beule, Horst Altendorf.

Wilhelm Holtey (genannt Knühl) war Müller und Bauer. Am 28.11.1861 heiratete er die Witwe Agatha Degenhard, geb. Stute aus Westheim und übernahm so die West-heimer Mühle.

Agatha und Wilhelm Holtey hatten miteinander mindestens fünf Kinder: vier Töchter (siehe Familienbild unten) und als letztes Kind einen Sohn, unseren Großvater Wil­helm Holtey.

Wilhelm verstarb im Alter von 57 Jahren an Lungenentzündung. Bis zur Geschäfts­fähigkeit ihres Sohnes führte Agatha Holtey die Geschäfte der Mühle weiter.

Großmutter Agatha Holtey war in erster Ehe mit Friedrich Degenhard verheiratet.
Friedrich Degenhard (1812 – 13.9.1857) oder sein gleichnamiger Vater (1774 – 24.4.1839) kaufte 1837 die Westheimer Mühle für 2500 Taler vom Westheimer Gut. Besitzer des damaligen „Rittergutes Westheim“ war Herr Karl Engelbrecht.
Aus Ihrer ersten Ehe hatte Urgroßmutter Agatha eine Tochter: Caroline Degen­hard.

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Wilhelm Holtey 09.01.1871 – 21.07.1952

Nachdem Urgroßvater Wilhelm Holtey verstorben war, übernahm Urgroßmutter Agatha Holtey die Geschäfte der Mühle bis Großvater Wilhelm Holtey geschäftsfähig war. Großvater Wilhelm hatte vier Schwestern und eine Halbschwester. Für die Ver­sorgung der Halbschwester Caroline Degenhard (Tochter der Agatha Holtey aus erster Ehe mit Friedrich Degenhard) wurde die Mühe mit einer Hypothek belastet. Außer­dem ist davon auszugehen, dass auch die anderen Schwestern auszusteuern bzw. zu versorgen waren. Daher übernahm Großvater Wilhelm Holtey die Westheimer Mühle mit erheblichen Schulden.

Trotzdem modernisierte der die Mühle von Grund auf: die alten drei einzelnen kleinen Wasserräder ersetzte er durch ein neues großes Wasserrad von 4,6 m im Durchmesser und 1,8 m Breite und stattete die Mühle mit damals neuester Technik aus (vor 1900). 1906 gründete er das Westheimer Elektrizitätswerk; mit seinem Wasserrad erzeugte er den ersten Strom in Westheim. Zur Finanzierung verkaufte er den größten Teil der Landwirtschaft. 1919 errichtete er am Ende des Westheimer Mühlengrabens ein zweites Wasserkraftwerk (Westheim Haus Nr. 194, jetzt An der Diemel 6). In der Folgezeit wurden die beiden Wasserkraftwerke weiter modernisiert und erweitert.

Großvater Wilhelm Holtey heiratete 1896 Maria Heidland aus Himmeltür bei Hildes­heim. Mit ihr hatte er 13 Kinder, von denen 10 das Erwachsenenalter erreichten. Ein Sohn verstarb mit 21 Jahren an Lungenentzündung ein weiterer Sohn fiel im zweiten Weltkrieg.

 

 

Zusatz Strompionier:

Unser Großvater erkannte sehr früh, dass Strom die Energie der „Zukunft“ war. Seine Pläne für ein eigenes E-Werk reichten mindestens bis 1900 zurück.
(Auf 1900 datieren erste von uns gefundene Angebote zur Ausstattung eines Elektrizitätswerks).

1906 gründete Großvater das „Westheimer Elektrizitätswerk“, und der Ort bekam elektrisches Licht. Dies war für die Größe des Ortes sehr früh. In Westheim brannte die elektrische Straßenbeleuchtung früher als im viel größeren Ort Marsberg.

Unser Großvater war ein wagemutiger Unternehmer: er verkaufte die Landwirtschaft um die Ausstattung seines Elektrizitätswerks bezahlen zu können.

Dies sind für mich die Kriterien für einen (Strom)-Pionier:
- früher und fester Glaube an die Zukunft einer Technologie (hier: Strom)
- tatkräftige Umsetzung
- Bereitschaft dafür erhebliche Risiken einzugehen

Früh glaubte unser Großvater an die Zukunft des Stroms und ließ sich auf das erhebliche wirtschaftliche Risiko ein, ein Elektrizitätswerk aufzubauen.

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Clemens Liborius Holtey          04.11.1917 – 14.10.2001

Unser Vater Clemens hatte einen weniger geradlinien Lebensweg:
Er studierte zunächst Theologie. Dann wurde er zum zweiten Weltkrieg eingezogen (Russland). Nach dem Krieg brach er das Theologiestudium ab und wechselte zur den Volkswirtschaften. 1946 arbeitete er für ein Jahr bei der Reparatur des Stauwehrs mit. Nach einigen Jahren in Westheim nahm er 1959 eine Stelle bei der VEW in Arnsberg an.

Mit unserer Mutter Maria Holtey, geb. Spiller hatte er drei Kinder.
 

 

 

     

 

    

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Elisabeth Schubach, geb. Holtey        24.09.1911 – 04.02.2006

Tante Elise verbrachte ebenfalls die meiste Zeit ihres Lebens in Westheim.

Sie heiratete erst spät den Müller Hubert Schubach und hatte keine Kinder. Hubert Schubach war der Bruder von Elisabeth Holtey, der Frau von Onkel Fritz.

 

 

     

 

    

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Friedrich Herbert Aloysius Holtey    16.06.1904 – 31.03.1994

Onkel Fritz war der ältere der beiden Müller seiner Generation. Er führte zusammen mit seinem Bruder Josef die Westheimer Mühle bis 1972. Zusammen mit ihm modernisierte und elektrifizierte er die Mühle.

Onkel Fritz überlebte den zweiten Weltkrieg in Russland.

Onkel Fritz heiratete erst sehr spät Elisabeth Schubach und hatte keine Kinder.

 

 

 

 

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Josef Holtey                         16.03.1906 – 11.04.1994

Onkel Josef war der jüngere der beiden Müller seiner Generation. Er führte zusammen mit seinem Bruder Fritz die Westheimer Mühle bis 1972. Zusammen mit ihm modernisierte und elektrifizierte er die Mühle.

1946 arbeitete er für ein Jahr bei der Reparatur des Stauwehrs mit.

Obwohl Onkel Josef früher als seine Geschwister verlobt war, heiratete auch er erst sehr spät Helene Jesper aus Westheim und hatte keine Kinder.

 

 

 

 

 

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Karl Maria Joseph Holtey         18.04.1903 – 15.11.1998

Onkel Karl war für die längste Zeit des Bestehens des Westheimer Elektri­zitätswerks (bis Ende 1958) der Betriebselektriker und war damit für den Betrieb der Wasserkraftwerke und für den Unterhalt des Ortsnetzes ver­antwortlich.

Bis in die 70er Jahre führte er einen kleinen Elektroinstallati­onsbetrieb. Auch danach betrieb er das Wasserkraftwerk „An der Diemel 6“ weiter.

Er heiratete spät Maria Wulff und hatte keine Kinder.

 

     

 

 

 

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Onkel Karls Drehbank

 

ca. 1925

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Bilder:

 

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Fotos vom Tag der offenen Tür am 02.09.2006 (Archiv Jörg Erkel):

 

 

Anmerkung: Bericht eingestellt und Vorwort verfasst sowie großteil der Bilder der abschließenden Gallerie von Jörg Erkel, Großteil der Daten zu Familie und Technik von Winfried Holtey

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In Westheim gibt es 2 Kirchen, die evangelischen Erlöserkirche und die katholischen St. Vitus Kirche.

 

Frau Annemarie Lux hat im Jahre 1985 ein sehr lehrreiches Büchlein "Unsere  Heimatgemeinde Westheim" herausgebracht. Sie schreibt über die Kirchen, Schulen, Kindergarten usw.. Wir haben die Erlaubnis, das Buch hier einustellen. Ein Link zum Buch findet sich am Ende dieses Beitrages.

 

 

Die ev. Kirche wurde in den 1950 er Jahren vergrößert, der Eingang befand sich auf der Westseite.

 

Diese Kirche wurde unter großen persönlichen Mühen von Pastor Wilhelm Schwarz 1858 erbaut. Er kaufte zunächst den hinteren Garten vom Schuster Joseph Leifels.

Der Eingang zur Kirche war zunächst zwischen den heutigen Häusern Zieren-Vollmerig und Benteler. Später wurde der vordere Teil des Gartens zugekauft und der Eingang zum Kirchhof an die Nordseite verlegt. Die drei Glocken der Erlöserkirche haben folgende Namen und Inschriften.

 

Trostglocke

Gebetglocke

Freudeglocke

 

 

2008 wurde das 150 jährige Bestehen der Kirche mit einer großen Festwoche gefeiert. Es wurde ein Buch "Wie lieb sind mir Deine Wohnungen" herausgegeben.

 

Alle anderen Informationen im Anhang.

 

 

Die kath. St. Vitus Kirche wurde 1895 erbaut.

 

 

Die vorherige Kirche (1688-1895) wurde, als die neue Kirche fertig war, abgebrochen.

 

Eine kurze Zeit gab es zwei Kirchen. Vor der Kirche von 1688 gab es eine kleine Kirche. Sie stand auf dem früherem Gutshof. "Heute Brauereihof". Zu Zeiten der Herren von Calenberg war im Schloß (Ritterburg) eine Kapelle vorhanden.

 

 

Um 1955 wurde die Kirche renoviert. Das Dach wurde erneuert. Die vier kleinen Türme wurden zurückgebaut. Später wurde die kleine Turmuhr durch eine größere  ersetzt. Etwa zur gleichen Zeit wurde der Weg von der Kirche zum Friedhof durch den Schützenverein angelegt. Die Trauerzüge mußten nicht mehr über die Hauptstraße gehen. Weitere Berichte, auch von den Glocken der kath. Kirche im Anhang.

 

Link zum Buch von 1985 "Unsere  Heimatgemeinde Westheim" von Frau Annemarie Lux

 

 

Die Informationen wurde zusammengetragen von Wolfgang Becker, die Bilder erstellt und/oder aufbereitet von Horst Mänz und alles im Internet veröffentlicht von Jörg Erkel.

Ab den 1950er Jahren wurden die Bauern gebeten ihre Höfe ausserhalb der Ortschaften anzusiedeln. Die Neuzeit brachte immer grössere landwirtschaftliche Geräte heraus. Die Ackerpferde und Ochsen wurden von den Traktoren verdrängt.

Unterstützt wurden die Bauern welche aussiedeln wollten vom "Grünen Plan". Einige Bauern tauschten ihre landwirtschaftlichen Flächen um zusammenhängende Felder oder Wiesen zu bekommen. In Westheim siedelten fünf Bauern aus. Die Landwirte, welche im Ort geblieben sind, gaben zum Teil ihre Landwirtschaft auf und bewirtschafteten ihre Ländereien nur noch nebenberuflich. Nun zu den einzelnen Gehöften. Alphabetisch aufgeführt.


Garbes

Der Hof des Bauern Garbes wurde 1871 erbaut. Im Hintergrund ist noch der Ziegelsteinschornstein der alten Molkerei zu sehen. Rechts im Bild das "Spritzenhaus". Dort war, unter anderem, die Feuerwehrspritze der Gemeinde untergebracht. Links im Spritzenhaus war eine kleine Zelle. Dort wurden Übeltäter so lange gefangengehalten, bis sie von der Fürstenberger Polizei abgeholt wurden. Linker Hof Bauer Garbes, Hoppenbeeke Nr. 5 Erbaut im Jahr 1968. Die Molkerei-Genossenschaft kaufte den Hof von Garbes und richtete in dem Gebäude eine Butterei ein.

Geise

Das Baujahr kann heute nicht mehr bestimmt werden. Es war aber vor 1820. Ebenfalls durch Hochwasser unbewohnbar geworden, entschloß sich die Familie Geise auszusiedeln. Im Zimmer links der Haustür war vor langer Zeit ein
 Schankraum. Durchziehende Reisende konnten sich und ihre Pferde stärken. Im Bild sieht man auf der rechten Seite einen mächtigen Kastanienbaum. Die Provinzialstraße (heute B7) war auf beiden Seiten mit solchen Bäumen bepflanzt. Rechts vom Haus war der Garten angelegt.
Bauernhof Geise erbaut im Jahre 1968 Püllweg Nr. 8. Links im Bild Haus Schlüter/Schulze. Rechts Imbiss Rasche.

Rosenkranz

Das Bauernhaus wurde 1850 gebaut. Es wurde vom Hochwasser heimgesucht. Allerdings konnte Familie Rosenkranz weiterhin in dem Gebäude wohnen. Die Stallungen und die Scheune waren hinter dem Wohnhaus aufgebaut. Familie Rosenkranz siedelte im Jahre 1989 aus. Der neue Hof steht an der Hoppenbeeke Nr. 8. Im Bild der rechte Hof. Die Sparkasse Marsberg kaufte den Platz und baute eine Zweigstelle.

Schmücker

Das Baujahr ist leider unbekannt. Es zeigt eine Hochzeitsgesellschaft. Rechts im Haus waren die Wohnräume, links die Stallungen. Bei dem Jungen auf dem Bild sind die Nagelschuhe zu sehen. Sie sollten die Sohlen schonen. Bei einigen älteren Herren sieht noch die Ketten der Taschenuhren. Der Neubau des Wohnhauses wurde 1992 errichtet. Es steht an der Hoppenbeeke Nr. 1. Die Scheune wurde einige Jahre eher gebaut. Das alte Haus stand längere Zeit leer und wurde später durch ein Feuer vernichtet. Apothekerin Anita Bielefeld kaufte das Grundstück und baute darauf eine Apotheke.

Seewald

Das Wohnhaus der Familie Seewald wurde 1912 gebaut. Links die Scheune war wesentlich älter. Hinter dem Haus waren die Stallungen. Ganz links sieht man noch das alte Bahnwärterhaus am Übergang der Waldeckerstraße. Den Giebel an der Vorderseite des Hauses hat man abgebrochen. Schade. Der Neubau entstand 1969 am Püllweg Nr.6 . Ein Feuer hatte an den Stallungen des alten Hauses einen Schaden angerichtet, man entschloß sich auszusiedeln. Am neuen Haus erkennt man in der Mitte die beiden riesigen Futtersilos. Das alte Haus kaufte Herr Zahnarzt Thiele. Er errichtete eine moderne Praxis. Die alte Praxis war in dem Fachwerkhaus im Hintergrund.

 

 

Fotos und Repros: Horst Mänz.

Gestaltet: Jörg Erkel

Idee und Text: Ortsheimatpfleger Wolfgang Becker.


 

Unser Ortsheimatpfleger Wolgang Becker hat aus einem Buch über das Leben von Graf Joseph zu Stolberg-Westheim 1804-1859 folgenden Text übersendet. Es handelt sich um zwei Artikel, welche für Westheim in Frage kommen, bzw. zur Zeit gehören, in der der Graf in Westheim gelebt und gewirkt hat. Das Buch ist 1913 herausgegeben. Das Buch hat Otto Pfülf geschrieben. Er ist 1946 verstorben. Herdersche Verlagshandlung Freiburg im Breisgau.

 

Doch nun zu den Texten:

 

 

Auszüge aus dem Buch  "Joseph Graf zu Stolberg-Westheim" welche für Westheim von Interesse sind.

 

Gimborn und Westheim.1838-1850

 

Der Zeitpunkt, da Joseph Stolberg die Steppen Ungarns wieder mit deutschem Boden vertauschte, war ein überaus bedeutsamer für die katholische Kirche Deutschlands. In Wien angelangt am 15.Oktober 1837, knüpfte er an die Erinnerungen alter Tage sogleich wieder an.

Bekr und Jarcke waren die ersten, die er aufsuchte. Von da ging es zu den beiden in Österreich ansässigen Brüdern. Mit dem 1. November war er in Dresden bei seiner Schwester Gräfin Hardenberg, um weiter zu eilen zu den Verwandten in Preußig-Schlesien. Sein Reisejournal verzeichnet jetzt öfter den Besuch der heiligen Messe auch an gewöhnlichen Werktagen; vielleicht geschah es des Beispiels halber gerade in den Diasporagemeinden. Am 2. Dezember traf er an der Mittagstafel bei seinem Bruder Bernhard in Weidenhof bei Breslau die Grafen Haugwitz, Pückler, Praschma mit ihren Damen, alle betroffen von dem großen Ereignis der Verhaftung und Gefangensetzung des Erzbischofs von Köln, Klemens August Freiherr von Droste zu Vischering. Wohin nur Stolberg kam seit diesem Tage, bei Protestanten nicht weniger als bei Katholiken, überall wurde diskutiert, zum Teil leidenschaftlich gestritten über Klemens August und seinem Konflikt mit der Regierung. Selbst die Briefe, die aus seiner Heimat kamen, waren mit dieser Sache angefüllt. Stolberg sah sich plötzlich in eine ganz ungewohnte Atmosphäre versetzt. Im ungarischen Garnisonleben hielten sich religiöse Angelegenheiten so ziemlich außerhalb des Gesichtskreises, hier standen sie überall im Vordergrund und traten dem Wanderer auf Schritt und Tritt entgegen. Und nicht nur die Kölner Angelegenheit an sich, sondern in ihrem Gefolge geistliche Dinge und kirchliche Interessen jeder Art nahmen die Aufmersamkeit auch der eleganten Welt in Anspruch.

Als Stolberg am 4. Januar 1838 in Söder auf dem Gute seines Bruders Andreas endlich eintraf, war dieser gerade zur Session der ersten Kammer in Hannover abwesend, ließ ihn aber sofort einladen, zu ihm nach Hannover zu kommen. Die Aufnahme, die Graf Joseph hier fand, war eine glänzende. Der österreichische Gesandte Graf Kuefstein erwies ihm jede Zuvorkommenheit, Graf Münster suchte ihn zu ehren, der Oberstallmeister Graf Kielmannseck geleitete ihn persönlich durch die Kasernen, Marstall und Reitbahn, der König zog ihn zur Tafel, und die Königin empfing ihn des Abends zum Tee. Wichtiger als all diese Ehrungen war aber eine zufällige Begegnung auf dem Hofball. Freiherr Max von Loe-Allner, der feurigste und begabteste Vertreter der katholischen Sache im Rheinland, eben auf der Rückreise von Berlin, trat ihm hier zum erstenmal im Leben nahe; bald sollten Freundschaft und Interessengemeinschaft die beiden Männer dauernd aneinander binden. Am 22.Januar 1838 wurde von Söder aus der Weg nach Münster angetreten, er führte über Minden, wo der Erzbischof gefangen saß.

 

 

Stolberg wurde zugelassen und hatte mit ihm eine lange Unterredung, die übrige Zeit verbrachte er bei des Erzbischofs treuen Begleiter, Freiherr von Korff. Am 24. Januar endlich sah er in Münster die Mutter wieder, mit ihr seinen Bruder Cajus und fand sich umgeben von einer ganzen Welt von Bekannten und Verwandten. Da war Kellermann, der Erzieher und väterlicher Freund, da waren die alten Schulkameraden Püngel und die beiden Schlüter, da waren die nahe verwandten vornehmen Sippen der Kerssenbrock, der Ketteler, der Loe usw. Bald war Graf Joseph ein häufiger Gast im "Rauchklub", wo die großen kirchlichen Fragen eifrig erörtert wurden und der katholische Adel sich Stelldichein gab. Gern kam er zur Plauderstunde bei "Papa Schmising" und las bis tief in die Nacht hinein den "Athanafius" von Görres und verglich dessen neue Auflagen. Als bei der Namenstagsfeier in Havixbeck der alte Twickl das begeisterte Hoch auf den gefangenen Erzbischof Klemens August ausbrachte, war Joseph Stolberg mit dabei unter den 51 Gästen. Er schrieb nach Berlin an den Minister von Rochow um die Erlaubnis, den Erzbischof in Minden nochmals zu besuchen. Am 8. April erhielt er die Erlaubnis in Gnaden, am Abend des 11. April war er an Ort und Stelle und wurde noch am Abend vom Erzbischof empfangen. Bis zum 16. April währte sein Aufenthalt, und viele Stunden des Tages durfte er bei dem ehrwürdegen Bekenner zubringen, der ihn auch zu seinen Mahlzeiten zuzog.

Es waren ernste und lehrreiche Stunden, unvergeßlich für das Leben.

Der Leutnant aus Ungarn, der solch mächtiger Anregungen lange entbehrt hatte, fühlte sich wie in einer anderen Welt. Schon beim ersten Wiederbetreten des deutschen Bodens hatte es ihm angeheimelt, wie alles seinen Namen kannte, wie er überall von seinem Vater reden hörte. Manche alte Erinnerung wurde wieder geweckt, vieles erfuhr er über den Vater, was ihm in seinen jungen Jahren entgangen war. Zu dem Wiederfinden des ausgedehnten Bekanntenkreises kam die vielfache Ehrung, die man ihm erwies. Seine lange Abwesenheit von Hause, seine wechselvollen Erlebnisse in der Fremde weckten die Neugierde, seine ritterlich glänzende Erscheinung zog die Blicke auf sich, selbst sein Reitpferd wurde bewundert und schon bald von vornehmen Kavalieren zum Kauf begehrt. Dabei bewährte sich, was Annette von Droste-Hülshoff im Juli 1843 über ihn an seine Schwester schrieb: "Kurz, er ist ein gemütlicher Mensch, und jederman hierzulande hat ihn gern." Seine ersten Fahrten durch das alte Vaterland glichen einer Art von Triumphzug. Er führte als Burschen einen jungen Italiener mit sich, der große Meisterschaft darin besaß, Gefrorenes zu bereiten. Wo immer nun der Graf auf einem der Adelssitze einkehrte, mußte Monti seine Kunst erproben, und Graf Stolberg spielte dann den Dolmetsch zwischen den adeligen Hausfrauen und dem Diener, bis derselbe schließlich in einem sehr vornehmen gräflichem Hause eine dauernde Anstellung fand. Eine andere Wichtigkeit besaß Stolbergs Kommen für die Herren. Der Ruf eines vorzüglichen Pferdekenners ging ihm voraus. Natürlich hatte er in tausend Angelegenheiten seiner Standesgenossen Rat zu erteilen. Galt es eine Pferdeschau, einen Kauf oder Tausch, einen Pferdesturz, oder ein Rennen, der Leutnant aus Ungarn mußte sein Gutachten geben, und wenn es not tat, selbst Reisen dafür machen. Besuchsfahrten, Jagden, Ausflüge, Familiendiners u, dgl. wechselten dabei ohne Unterlaß, und es begreift sich, daß der Leutnant wenig Eile hatte, zu seinen einsamen Stationen und dem einförmigen Dienst in Ungarn zurückzukehren. Dies lag um so näher, da Stolbergs Gesundheit im Militärdienste wirklich gelitten hatte und er mit Unpäßlichkeiten aller Art jetzt viel geplagt war. Aber auch die Mutter bestärkte sich immer mehr in der Ansicht, daß es für ihren Sohn heilsamer sei, in der Heimat zu verbleiben. Er mochte in Westfalen einen Landsitz an sich bringen und dort eine Häuslichkeit begründen, so hatte er seine gemachte Stellung im Leben und blieb vor manchem bewahrt, was während der letzten Jahre oft ihre Sorge rege gemacht hatte. Das Gesuch Stolbergs an sein Regiment vom 10. April 1838 um Versetzung in den Stand eines Supernumerärs läßt erkennen, daß er nicht abgeneigt war, auf solche Pläne einzugehen. Wenn er jetzt wochenlang im Rheinland und Westfalen umherreiste von Ort zu Ort, um Bekannte und Verwandte zu besuchen, so geleitete ihn im stillen die Absicht, sich nach einem passenden Hause und auch nach der richtigen Lebensgefährtin umzusehen.

Eben jetzt in dieser Zeit verlobte sich seine jüngste Schwester Paula, deren erster Gatte Freiherr von Nagl 1832 jung gestorben war, mit einem besonders nahestehenden Freunde Joseph Stolbergs, mit dem trefflichen Wilderich von Ketteler.

 

 

Der 1. Mai 1838 führte Joseph Stolberg auf seinen Entdeckungsreisen auch nach Düsseldorf, wo er in der gräflichen Familie Spee zu Mittag blieb. Die Herrin des Hauses, Sophie, geborene Gräfin Merveldt, war ein besonderer Liebling seines Vaters gewesen und stand in den herzlichen Beziehungen zu seiner Mutter. Nicht lange nach Josephs Geburt war Gräfin Spee dereinst (1805) wochenlang zu Lütjenbeck bei der Familie zu Besuch gewesen, und der alte Graf unterhielt von da an bis zu seinem Tod mit ihr einen angeregten, gemütvollen Briefwechsel. Ganz besonders wert war aber Gräfin Sophie Stolbergs ältestem Bruder Ernst gewesen, der sie seine "Kindheits- und Jugendfreundin" nennt, für die er einst die wärmsten Empfindungen im Herzen getragen. Als Graf Ernst die einstige Jugendegespielin zum letzten Male sah, war sie bereits vermählte Gräfin Spee und trug auf ihren Armen ein liebliches kleines Mädchen mit Namen Therese. Diese jetzt zur Jungfrau erblüht und vollendete Dame, zog während des Tisches Josephs Augen auf sich, ihre Charaktervorzüge, von allen Nahestehenden gerühmt, waren ihm bereits bekannt. Er hatte gefunden, was er suchte. Doch vorerst ging es weiter, zuerst nach Köln, um die Gemächer, aus denen man Klemens August gefangen fortgeführt, mit Ehrfurcht zu betrachten, dann nach Allner zu Freiherr Max von Loe zu ernster Besprechung und von hier in aller Frühe nach Kevelaer zur Wallfahrt, um dort die heiligen Sakramente zu empfangen. So vorbereitet kam er nach Düsseldorf zurück, wo er vom 10. bis 16. Mai viel in der Familie von Spee verkehrte. Die Trauung seiner Schwester Paula am 2.

Juni war kaum vorüber, als das Pferderennen, das am 6. Juni seinen Anfang nehmen sollte, ihn abermals nach Düsseldorf rief. Während das Rennen die Aufmerksamkeit der großen Welt, in Anspruch nahm, tat er seine Schritte bei den Eltern. Zum 13. Juni hatte der alte Windischmann in Bonn ihn zu Tisch geladen, bei dem er mit dem verdienten Dogmatiker Klee zusammentraf. Als er in Düsseldorf wieder sein Zimmer betrat, fand er einen Brief der Gräfin Sophie, der die Entscheidung brachte. Sofort eilte Stolberg nun in das Speesche Haus und holte sich Theresens Jawort.

Ungewiß , wie die Dinge standen, war Stolbergs greise Mutter gerade in diesen Tagen auf Schloß Darfeld zu Besuch gewesen und war im Begriffe heimzufahren. Joseph Stolberg, der dies wußte, fuhr ihr von Münster aus entgegen, nahm sie in seinen Wagen und erzählte ihr, was geschehen. Die Freude war groß, eine ihr genehmere Wahl nhätte der Sohn nicht treffen können. Nur wenige Tage zuvor, am 8. Juni 1838, hatte auch Graf Leopold, jetzt Kreishauptmann in Salzburg, mit Gräfin Christiane von Sternberg-Manderscheidt seine Verlobung gefeiert; am 19. Juni traf bei den Verwandten die Anzeige ein.

Um die früheren Verhältnisse endgültig zu lösen und alle seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, fand es Joseph Stolberg ratsam, nochmals nach Ungarn zurückzukehren, und der 19. Juli traf ihn bereits wieder in Wien. Allein anhaltendes Unwohlsein stellte sich ein und verzögerten seine Schritte. Es währte bis zum 20. September, ehe er die alten Stätten nochmals besucht und überall Abschied genommen hatte. Er erfuhr auch jetzt wieder viel Freundschaft und Anhänglichkeit von Seiten der Kameraden bis hinauf zum Obersten. Am 20. September fuhr er aus Wien, am 23. September wurde er daselbst zum ersten Male aufgeboten. Als er am 4. Oktober in Schloß Heltorf bei Düsseldorf anlangte, war das Diplom seiner Dienstentlassung bereits unterfertigt und alle Formalitäten erledigt. Am Morgen des 17. Oktober empfingen Braut und Bräutigam gemeinsam mit den beiden frommen Müttern die heiligen Sakramente; nachmittags um 2 Uhr fand die Trauung statt. Den ganzen Monat November verbrachten dann die Neuvermählten in Belgien bei den Verwandten, die Weihnachtszeit wollten sie noch einmal im Hause der Eltern in Düseldorf verleben.

Trotz alles Nachsuchens hatte Graf Joseph einen völlig zusagenden Landedelsitz, wohin er seine junge Gattin hätte führen können, bis dahin nicht gefunden. Aber sein Bruder Cajus, Schloßherr auf Braunau in Sachsen, besaß auch ein Gut in der Rheinprovinz. Gimborn bei Marienheide-Gummersbach. Die Brüder verständigten sich, daß Joseph die Stelle des Gutsherrn vertreten und die obere Leitung der Bewirtschaftung übernehmen solle. Am 12. Januar 1839, nach beschwerlicher Reise durch Eis und Schnee, konnte der Einzug der Neuvermählten endlich erfolgen.

 

 

Die ersten Aufmerksamkeiten der neuen Herrschaft galten dem Pfarrer und der Kirche, dann mußte die Weihnachtsbescherung für das Gesinde nachgeholt und durften die Armen nicht vergessen werden. Stolberg persönlich betete für das ganze Haus das Abendgebet vor. Zur Erholung las er mit der jungen Gattin des Abends das geistvolle Werk seines

Vaters: Die Geschichte der Religion Jesu Christi. Das junge Glück war ungetrübt, die Gemütslagen der beiden Gatten fügten sich trefflich ineinander. Das stürmische und Aufbrausende im Wesen, das Graf Joseph sich selbst zuweilen vorwarf, schwand unvermerkt vor der"himmlischen Ruhe" seiner Therese. Kaum geringer als das Glück der Kinder war die Genugtuung der beiden Schwiegermütter.

"Es freut mich innigst", schreibt die greise Gräfin Stolberg im Juni 1840 in Bezug auf Sophie Spee, "und ich danke Gott mit ihr, daß sie soviel Freude an der Ehe ihrer beiden Kinder hat." " Deiner Therese", meint sie gegenüber ihrem Sohn "hat Dir Gott einen Schutzengel und die liebenswürdigste Gefährtin gegeben. Jetzt mein geliebter Josepf, wirst du als Hausvater dafür zu sorgen haben, daß Dein Haus ein christliches Haus sei. Eine unbeschreibliche Beruhigung ist es mir, daß Deine liebe, treue Therese Dir in allem beistehen wird, das Muster einer sparsamen, christlichen, wohltätigen Hausfrau sein wird."

So gut jedoch die Dinge sich anließen, machte es sich doch bald fühlbar, daß Gimborn recht öd und einsam gelegen und mit der übrigen Welt nur durch schwierige Verkehrswege verbunden war. Anderes Kreuz kam bald hinzu. Voll Unternehmungslust und voll großer Ideen war Joseph Stolberg an seine Aufgabe als Gutsverwalter herangetreten. Die Branntweinbrennerei, das Eisenwerk, die Fischzucht sollten vor allem auf eine hohe Stufe der Ertragsfähigkeit gehoben werden, und all dies möglichst bald und so ziemlich zur gleichen Zeit. Der wirkliche Besitzer von Gimborn, Graf Cajus, der für dieses Gut eine große Vorliebe hatte und jährlich dahin kam, hegte gegen solchen Unternehmungen, namentlich gegenüber weitausschauenden Projekten, eine gewisse Scheu. Er hatte auch in der Person des im Dienste stehenden Verwalters einen Vertrauensmann an Ort und Stelle, der in seinem Sinne dachte. Da Graf Joseph einen andern tüchtigen Ratgeber an seiner Seite hatte, dem er mehr Vertrauen schenkte, konnten Verwicklungen nicht ausbleiben, zuerst zwischen den Unterbeamten unter sich, dann mit dem interimistischem Gebieter, zuletzt aber zwischen den beiden Brüdern. Ließen nun auch der ausgeprägte Stolbergsche Familiensinn und die edle, wohlwollende Denkweise der beiden Grafen ein Zerwürfnis nicht aufkommen, so ergab sich doch bald für alle Beteiligten die klare Einsicht, daß es bei der Stellung des Grafen Joseph in Gimborn dauernd nicht bleiben könne. Einstweilen verblieb für das Einsiedlerpaar in Gimborn der Trost, daß in Düsseldorf und Schloß Heltorf nicht gar weit entfernt und als trautes Heim jederzeit für sie geöffnet waren. Auf Schloß Heltorf wurde dann auch am 14. November 1839 Joseph Stolberg das erste Töchterlein geboren, das nach den beiden Großmüttern den  Namen Sophie erhielt.

Im Mai des folgenden Jahres 1840 schwebten Verhandlungen über Ankauf eines Rittergutes in Westfalen, früher im Besitz der Herren von Calenberg, Westheim, im Kreise Büren, nicht weit von Paderborn gelegen.

Am 20. Juli war der Kauf vollendet, und große Freude herrschte darüber in der ganzen Familie. Die Lage war günstig, in ganz katholischer Gegend, von Söder im Hildesheimischen, dem Landsitze des Grafen Andreas, nicht sehr weit entfernt, auch sonst nahe bei Verwandten und Bekannten und an der großen Verkehrsstrasse gelegen, die zahlreiche Standesgenossen hier vorbeiführte. Der Boden ließ guten Ertrag hoffen.

 

 

Für jetzt war es freilich ein arg verwahrlostes Gut. Seit dem Aussterben derer von Calenberg 1813 bis 1830 unter Sequestralverwaltung, hatte es seitdem Teilung erfahren und öfter den Besitzer gewechselt. Die früher prächtigen Wälder waren verwüstet, die Gebäude zerrüttet, wertvolle Grundstücke in fremden Händen, andere mit Servituten belastet. Es bedurfte großen Mutes, eiserne Tatkraft und unverdrossener Arbeit, um das ursprünglich schöne Herrschaftsgut seinem früheren Werte zurückzugeben.

Auf zehn Jahre hinaus waren sämtliche Ländereien noch verpachtet, die Pachtbedingungen waren günstig. Die Mutter riet, den Ablauf des Termins ruhig abzuwarten und bis dahin mit Jagd, Geselligkeit und literarischen Interessen die Zeit angenehm auszufüllen. Allein Graf Joseph hatte zu viel Drang zu ernster Selbstbetätigung und war zu sehr erfüllt mit Entwüfen und Ideen.

Seit September 1840 findet man ihn auf Westheim anwesend, und bald führte er die Bewirtschaftung des gesamten Gutes mit eigener Hand.

Ein so bedeutender Ankauf brachte naturgemäß mancherlei Sorgen. Große Kapitalien mußten flüssig gemacht werden, die Innenräume des Herrschaftshauses bedurften einer besseren Instandsetzung. Manche ernste Ereignisse traten dazwischen, und es sind wohl zwei volle Jahre hingegangen, ehe die Familie in Westheim recht heimisch war. Schon die Zeit der ersten Freude wurde schwer getrübt. Graf Leopold, Kreishauptmann in Salzburg, noch nicht zwei Jahre vermählt, erkrankte an einer Lungenentzündung, die am 9. August 1840 seiner hoffnungsvollen Laufbahn ein jähes Ende bereitete. Er hinterließ eine junge Gattin und ein zartes Söhnchen. An ihm verlor Graf Joseph denjenigen seiner Brüder, der ihm am nächsten stand und dessen Rat er am höchsten geschätzt hatte.

Zur selben Zeit teilte er mit der übrigen Familie rege Besorgnisse um das Leben der teuren Mutter, deren Kräfte in sichtlichen Abnehmen begriffen waren. Aber starkmütig hielt die Matrone sich aufrecht, führte noch mit fester Hand die Feder und scheute nicht zurück vor den gewohnten weiten Reisen, die sie  von Belgien bis nach Sachsen und Schlesien bei ihren Kindern umherführten. Sie erlebte noch die Freude, daß ihrem Joseph am 17. Juni 1841 ein zweites Töchterchen, Marie, geboren wurde. Erst am 8. Januar 1842 bei ihrer Tochter zu Rumillies in Belgien nahm ein leichter Tod sie im 77. Lebensjahre hinweg.

Seit Sommer 1842 endlich konnte Graf Stolberg sich mit allem Nachdruck daran begeben, seine Pläne zur Hebung des Gutes durchzuführen. Neue Wirtschaftsgebäude wurden hergestellt, die Branntweinbrennerei völlig umgestaltet, alles neu und im größerem Stil, als man es bis dahin in der Umgebung gewohnt war. So viel Unternehmungsgeist erregte Aufsehen und gab Anlaß zu Gerede, indem man die gemachten Aufwendungen dabei um ein Gutes übertrieb. Noch 1844 und 1845 währten die Arbeiten, die fortwährend viele fremde Hände beschäftigten.

 

 

Es ist ausser Zweifel, daß Joseph Stolberg das Gut, das er in recht schlimmen Zustand übernahm, schön abgerundet und an Wert bedeutend gehoben hat und daß viele der von ihm getroffenen Neuerungen als zweckmäßig oder als geschmackvoll sich bewährt haben. Dem materiellen Ertrag nach hat ihm jedoch das Gut zu seinen Lebzeiten bei weitem nicht das gelohnt, was er an Mühe, Sorge und Kapital darauf verwendet hatte.

Die Zeitverhältnisse lassen dies erklärlich erscheinen. Es waren böse Jahre, in welche die Anfänge der neuen Gutsherrschaft fielen. Schon der Winter 1840 auf 1841 brachte für die ganze Umgebung große Überschwemmung und öffentliche Bedrängnis; im Sommer 1843 herrschte weit und breit empfindliche Hungersnot, 1844 und 1845 kamen abermals Überschwemmungen.

In Westheim stand das Wasser im Untergeschoß des Wohnhauses, während Dach, Speicher und Zimmerdecken durch die ungeheuren Schneemassen schweren Schaden litten. Noch schlimmer war die Überschwemmung 1847, dazu Mißernte und politische Unruhe. In jenem unglücklichen Jahre 1847 war es, daß der Graf wohl den erheblichen Teil seiner Ernte zu den niedrigsten Preisen an Taglöhner, Arbeiter und andere Bedürftige abgab.

Auch dachte er eigens dazu Wegebauten und andere Unternehmungen aus, um den arbeitsfähigen lohnende Beschäftigung zu bieten. Die älteste Tochter Sophie, später vermählte Freifrau von Hammerstein, erzählt aus jenen Tagen:

"Im Jahre 1847, dem großen Hungerjahre, wurde monatelang im großen Kessel in der Waschküche eine gute, nahrhafte Suppe für die Armen gekocht. Oft halfen die Eltern selbst beim Austeilen derselben, und Mama ging immer hin, dieselbe zu kosten. Damals machte uns dieses, da wir an Wohltun bei jeder Not gewohnt waren, keinen großen Eindruck, aber nach vielen Jahren sagte mir Tante Paula Ketteler, daß es ihr noch unfaßlich sei, wie die Eltern bei ihren beschränkten Mitteln diese großartige Hilfe hätten leisten können - obwohl Großmama Spee und Onkel August und vielleicht noch andere, wie ich weiß, reichlich dazu beitrugen."

Und auf solche fortgesetzte Opfer hin folgten erst noch die Wirren und Verluste der Jahre 1848 und 1849.

In der Berechnung der Ertragsfähigkeit des Gutes hatte Stolberg insbesondere von der Branntweinbrennerei sich gute Ergebnisse versprochen und deshalb auf die Neueinrichtung derselben bedeutende Summen verwendet. Die Erträgnisse der ersten Jahre hatten auch für die Zukunft günstige Aussichten eröffnet. Da begann nun aber seit 1844 die große zunächst von Schlesien ausgehende, dann in Westfalen sich fortpflanzende Bewegung, die unter dem Losungswort "Mäßigkeit" allem Branntweingenuß überhaupt den Krieg erklärte. Die Bewegung war ihren Ursprung nach eine religiöse, ging von katholischer geistlicher Seite aus und war in ihren Wirkungen tatsächlich eine segensreiche. Sie wurde denn auch gerade von religiösen Kreisen aus in Wort und Schrift, in Predigt und Volksblatt mit Feuereifer gefördert. Graf Stolberg stand damals schon mit an der Spitze des katholischen Vereinswesens und wetteiferte mit den hervorragendsten katholischen Männern Deutschlands in Linderung und Hebung der vorhandenen sozialen Schäden. Er glaubte es daher als Pflicht zu erkennen, seine Brennerei stillstehen zu lassen.

Das Opfer war nicht gering, es bedeutete die Preisgabe eines Vermögens.

Eine andere Seite seiner Bewirtschaftungspläne war die Heranziehung von Waldungen; er verlegte sich auf Forstkultur, eine Art der Kapitalanlage, die, wenn nicht sehr ökonomisch berechnet und klug eingeschränkt, erst in viel späterer Zeit sich entsprechend zu lohnen pflegt. So konnte Graf Joseph wohl an der sichtlichen Verschönerung seines Gutes sich freuen und Besuchern einen anziehenden Aufenthalt daselbst bieten, der materiellen Sorgen um dasselbe wurde er niemals mehr ledig, und sie konnten zuweilen sehr drückend werden. Dies hinderte indessen nicht, daß er durch Beispiel und Rat auf den Betrieb der Bodenkultur in der ganzen Umgegend anregend wirkte. Ja er scheint direkt sich darum bemüht zu haben, den Bauern der Umgegend neue Erwerbsmöglichkeiten zu öffnen.

"Die Ausbildung im Gemüsebau", schreibt ihm einmal die Gattin am 13.April 1848, "ist hier nötiger als alle Treibereien." Sonst sind die Briefe, die Stolberg 1840 bis 1850 mit seiner Gattin wechselte, vielfach angefüllt mit den Anliegen der Armen, Kranken und Notleidenden. Jedes verlassene Waisenkind, jede erkrankte alte Frau, jeder verunglückte Bauersmann am Ort, jeder Notstand, der über eine der Nachbargemeinden hereinbrach, war Gegenstand der gemeinsamen Sorge und hilfreichen Betätigung. Die Familie war auf dem neuen Gute noch nicht heimisch geworden, als die Gräfin am 28. Januar 1841 bittend an den abwesenden Gatten schrieb, in Westheim herrsche große Not, die Zustände seien schlimm, er möge doch dem Pfarrer Geld übergeben für die Armen. Als im Sommer 1843 die Hungersnot ausbrach, wurde von dem gräflichen Paare eine umfassend und wohlgeordnete Hilfsaktion organisiert. In die am meisten heimgesuchten Gemeinden, wie Mehrhof (heute Meerhof), Essentho, Ösdorf (Oesdorf), gingen von Juni bis in den September hinein regelmäßig große Sendungen von Brot, und auch Geldspenden fehlten nicht. Nach Mehrhof allein wurden im August wöchentlich 373 Brote verabreicht, und durch den Pastor Peine wurden noch immer neue Bitten vermittelt. Es liegen ganze Listen vor von solchen, welche "nachträglich" auch noch um das Armenbrot sich bewarben, das der Graf für alle Dürftigen angeboten hatte, oder von solchen, welche außerordentlicherweise das eine oder andere Mal darum nachsuchten. Im Februar 1845 meldet die Gräfin dem in der Ferne weilenden Gatten: " Ich vergaß ganz, Dir neulich zu sagen, daß Deine vielen Gänge wegen des kranken Kindes im Waisenhaus gleich guten Erfolg gehabt haben und das Kind den folgenden Morgen bei den Barmherzigen Schwestern war." Im Aufust 1847 wurde die Gemeinde Haaren, wie es scheint, von einem Brandunglück schwer heimgesucht, während der Graf auf einer Amtsreise eben abwesend war. "Durch den Kreissekretär wirst Du hören", schrieb ihm sogleich die Gattin,"wie schwer das arme Haaren betroffen worden ist. Ich habe mit Klocke (dem Stolbergschen Verwalter) überlegt gleich heute nachmittag einen Wagen hinzuschicken, 40 Brote, die vorrätig sind, und was an Kleidern aufzutreiben ist...an den Pastor von Haaren." Als im Juni 1848 die Lehrerin des Ortes erkrankte, nahmen Graf und Gräfin gemeinsam mit dem Pfarrer von Westheim sich tatkräftig um sie an und sorgten für sie, als wäre sie ein Glied der Familie. Im gräflichen Wagen wurde sie nach Warburg zum Arzt gebracht und dort im Spital verpflegt bis zur Wiedergenesung.

 

 

Auch die Kinder des Hauses wurden von früh auf zur Wohltätigkeit angeleitet. Namenstaggeschenke oder kleine Belohnungen bestanden für sie in einem Beitrag zur Armenbüchse. Es erfüllte die Gräfin mit Mutterglück, als sie um Mitte Dezember 1849 dem abwesenden Vater berichten konnte, die Kinder seien ganz aus eigenem Antrieb auf den Gedanken verfallen, aus ihren Sparkassen für die Schulkinder eine Weihnachtsbescherung zu veranstalten, wozu sie schon allerhand Kleinigkeiten zusammengebracht hatten, geeignet, den Dorfkindern Freude zu machen.

  "Meine liebe selige Mutter", erzählt die älteste Tochter Sophie, "sagte oft, Almosen geben macht nicht arm und Kirchengehen versäumet nicht. Ich habe das so oft von ihr gehört, daß es fast meine älteste Erinnerung von ihr ist. Wir lebten auch in allem: Essen, Wohnung, Kleidung, sehr einfach, und es wurde uns immer gesagt, daß man für sich selbst nur das notwendige brauchen dürfe, um mit Erübrigten den Armen zu helfen. Auch von unseren 7,5 Sgr. Monatsgeld, das ich mit 7 Jahren erhielt, um mir Hefte, Federn usw. selbst zu kaufen, mußten wir stets zu Sammlungen für den Verein der heiligen Kindheit, die Missionen beitragen und manchmal den Armen etwas geben."

  Gastfreundschaft wurde auf Westheim nach altstolbergscher Art in einfach liebenswürdiger Weise geübt, nicht nur gegen die zahlreiche Verwandtschaft, die hier gerne vorsprach, sondern auch gegenüber den häufigen Besuchen, welche die Nähe vieler Adelssitze und die günstige Lage der Verkehrsstraßen das Jahr über herbeiführten.

  Große Sorgfalt und Liebe erfuhren von Seiten der Herrschaft alle Hausgenossen, Angestellte wie Dienstboten; Sie zählten mit zur Familie.

Dem Verwalter schenkte der Graf sein Vertrauen, erwies ihm alles Wohlwollen und behandelte ihn als Ehrenmann. Alle Aufmerksamkeit und Rücksicht für den Ortspfarrer verstand sich bei Graf und Gräfin von selbst. Grundsätzlich begegnete der Graf der Geistlichkeit überhaupt mit Ehrfurcht und mit Wohlwollen, und es ist ihm auch reichlich gedankt worden; er hat gerade in den Reihen des Klerus viele liebe Bekannte, tüchtige Helfer in seinen Unternehmungen und begeisterte Anhänglichkeit gefunden.

  Ganz besonderen Wert legte die Familie darauf, in Bezug auf die gottesdienstlichen Pflichten und Übungen mit gutem Beispiel voranzugehen. Alles was Kirche und Religion betraf, fand bei ihnen rege Anteilnahme. Häufig sah man in der Pfarrkirche die Gutsherrschaft die heiligen Sakramente empfangen. Bei Anliegen in der Familie war gewöhnlich die erste Zuflucht das heilige Meßopfer. Nicht nur am regelmäßigen Gottesdienst, sondern auch bei außerordentlichen Veranstaltungen waren Graf und Gräfin an der Spitze der Gemeinde; Bruderschaften, Vereine bischöfliche Ausschreiben begegneten hier immer geneigten Herzen.

  Trotz materieller Sorgen und schmerzlicher Verluste konnten daher auf Westheim Freude und Friede nicht fehlen.  Im Mai 1846 verstarb zu Lemberg der Feldmarschall-Leutnant und Divisionskommandant Ernst Graf zu Stolberg, fromm und christlich, mit den heiligen Sakramenten versehen.

Im Oktober 1848 folgte ihm Gräfin Marie Agnes, vermählte Gräfin Stolberg-Wernigerode. So waren nun die ältesten Geschwister heimgegangen; von den 18 Kindern des Grafen Friedrich Leopold lebten außer dem Grafen Joseph nur noch sechs; ungerechnet jene, welche im zarten Kindesalter starben, hatte dieser nun schon acht seiner Geschwister ins Grab geschaut. Dies war hart in einer Familie, in welcher alle, Brüder wie Schwestern, so innig zusammenhielten. Dafür aber hatte inzwischen auf Westheim die Zahl der kleinen Stolberge sich vermehrt. Der 3.Juni 1844 hatte abermals eine kleine Komtesse, Julie, beschert, am 4.April 1846 aber erblickte zu Westheim ein Stammhalter das Licht der Welt, welchen Stolberg den Namen seines verstorbenen Bruders Leopold beilegte. Ein zweiter Sohn, Franz, folgte am 13. September 1848.

Die äußeren Verhältnisse waren trübe, manches in der weiten Verwandtschaft besorgniserregend, aber im Innern des Hauses Westheim, im Schoße der Familie unter Gatten und Kindern, da strahlte ungetrübter Sonnenschein. "Dein früherer Brief", so hatte Graf Ernst noch im Juni

1844 an seinen Bruder nach Westheim geschrieben, "schildert mir Deine Verhältnisse recht glücklich und angenehm."

 

 

Der Landrat des Kreises Büren. 1843-1848.

 

Drei Jahre waltete Graf Joseph als Gutsherr in Westheim, als am 5.Oktober 1843 die zu Büren versammelten Kreisdeputierten ihn zum Landrat des Kreises erkoren. Von der Regierung in Minden wurde er ohne Zögern mit der

  interimistischen Verwaltung betraut und als "Landrätischer Kommissarius" am 1. November 1843 in seinen Amtskreis eingeführt. Die Bedingung war gestellt, daß er in der Kreisstadt Büren seinen Sitz nehme, und er überkam dort die Bureau- und Wohnräume seines Vorgängers, des Landrats von Hartmann, zu den auch diesen gewährten Bedingungen, einstweilen bis zum 1. April 1844.

  Die neue Stellung, ehrend wie sie war, eröffnete dem Grafen einen zusagenden weiteren Wirkungskreis und bot ihm eine fast unbegrenzte Gelegenheit, unter dem Volke Gutes zu wirken. Minder vorteilhaft war sie für Stolbergs persönliche Angelegenheiten, vor allem für seine Gutsverwaltung. In Westheim waren große Umgestaltungen im Gange, vieles noch in der ersten Entwicklung, und nun bestand die Regierung darauf, daß er in Büren, einem Ort an der entgegengesetzten Grenze des Kreises, seinen dauernden Sitz aufschlage.

  "Die Bestätigung Deiner Wahl zum Landrat", schrieb ihm sein Bruder Cajus am 23. Dezember 1843, "finde ich zunächst sehr erwünscht, wenn sie

Dich- was Du am besten wissen mußt- nicht zusehr von Deinen eigenen Angelegenheiten trennen und für diesen absorbieren wird. Nächstdem aber ist es mir leid, daß sie Dich ganz an Deinen Kreis binden wird".

  Gleich im ersten amtlichen Schreiben, am 13. Oktober, hatte der Regierungspräsident den Neuerwählten darauf vorbereitet, daß gehäufte Geschäfte seiner warteten und es gleich von Anfang viel Arbeit geben werde, um so schlimmer, da gerade zu diesem Zeitpunkte der tüchtigste Hilfsarbeiter anderswohin versetzt worden war. Auch die Zeitumstände, die öffentliche Notlage und die Stimmung im Volke waren nicht dazu angetan, die Stellung besonders leicht und angenehm zu machen. Nach fast einem Jahr der Verwaltung, am 5. September 1844, spricht Stolberg in einem Bericht an die Regierung von seiner "unter bewandten Umständen sehr schwierigen Amtsführung". Über die Auffassung seiner neuen Tätigkeit hatte Stolberg bald schon Anlaß sich auszusprechen in einem Amtsschreiben an den Regierungspräsidenten Richter in Minden vom 20.

Januar 1844:

  "Da ich überhaupt die Stellung des Landrats  so aufgegriffen habe, daß es vorzugsweise zu seinen Pflichten gehört, die Gemeinden öfter zu besuchen, so steht bei mir der Grundsatz fest, durch fleißige Rundreisen mir von den Zuständen, Bedürfnissen, Interessen des Kreises persönliche Überzeugung zu verschaffen und möglichst selbsttätig überall einzugreifen.  Ein derartiges Eingreifen ist gewiß dringenst nötig, wie ich schon jetzt während meiner kurzen Amtsdauer bei den gelegentlichen Besuchen der Gemeinden fast aller sechs Ämter des Kreises wahrnehmen mußte, indem besonders Klagen über schlechte Wege und Mangel Bewässerungsanlagen u. dgl. laut wurden und man überall freudiges Entgegenkommen in Absicht auf Remedur bewies. Den eben angedeuteten Grundsatz werde ich daher streng befolgen, solange ich die Landratsstelle bekleide-würde ich jene aufgeben, so würde ich auch auf diese resignieren. Ausserdem glaube ich in der Allerhöchsten Bestimmung, daß der Landrat aus der Zahl der Besitzer der Ritter- oder Notablengüter gewählt werden soll, hauptsächlich das Motiv unterlegen zu müssen, daß der Landrat als zu den Grundbesitzern gehörig und selbst Landwirt ein belebendes Interesse für die Landeskultur betätige. Mit der für die hiesige Gegend hochwichtigen Landeskultur, wohin ich auch Forstwirtschaft rechne, sind viele  andere Interessen eng verbunden, als z.B. für Wegeanlagen, Handhabung der Holzlegitimationskontrolle und der

Orts- und Feldpolizei, für den Haushalt der Gemeinden, dann selbst für Sitte und Ehrbarkeit des Volkes, dem man als Grundbesitzer  näher stehen bleibt, ferner für Belebung der Handarbeits- und Spinnschulen, endlich auch für Förderung, des Hanf-, Flachs- und Futterkräuterbaus, sowie die Webereien und Bleichanstalten u. dgl.. Allen diesen Interessen wird der Landrat gewiß nur zu bald entfremdet, nachdem man ihn der Administration seines Eigentums entzogen und ihn fern davon bloß an den Schreibtisch in der Kreisstadt festgebannt hat."

  Die Übernahme des Amtes ging nicht ohne Opfer.Unter der Verlegung seines Sitzes nach Büren litten alle seine Verhältnisse, sein ganzes Gehalt als Landrat wurde verschlungen, und für den Kreis, von welchen Büren nur eine Grenzstadt war, ergab sich daraus nicht einmal ein Gewinn. Vergebens war Stolberg bei der Regierung vorstellig geworden. Er hatte sich anheischig gemacht, zweimal die Woche in Büren und einmal des Monats in Salzkotten Sprechtage anzusetzen, für das Bureaupersonal aber in Westheim für gute Unterkunft zu sorgen, und hatte alle Seiten der Frage mit großer Dringlichkeit vorgestellt. Alles umsonst, die Regierung beharrte auf Büren. Dahingegen wurde dem Landrat, nachdem er die verlangte schriftliche Ausarbeitung eingeliefert hatte, durch kabinettsorder vom 16. November 1844 "mit Rücksicht auf seine seitherige zufriedenstellende Amtsverwaltung" das sonst erforderliche mündliche Examen erlassen und gegen Jahresende 1845 seine endgültige Ernennung zum Lanrat amtlich kundgegeben.

  Die Genugtuung, die der eifrige Beamte empfinden mochte, wurde aber bald getrübt. Beim Eintritt in die Tätigkeit hatte er Bureau und Wohnung im ehemaligen Kollegiumsgebäude zu Büren, die sein Vorgänger inne gehabt hatte, um den gleichen Mietpreis weiter übernommen. Da trat unerwartet das Provinzialschulkollegium dagegen auf und verlangte Rückerstattung dieser Räume zu Schulzwecken. Tatsächlich hatte eine Kabinettsorder 1823 bestimmt, daß die Räume des Kollegiums, soweit sie nicht von den Justizbehörden bereits in Anspruch genommen seien, dem katholischen Schullehrer überlassen werden sollten. Da jedoch Büren in jenen Zeiten auch nicht ein einziges Gebäude verfügbar machen konnte, wo das Landratsamt sich passenderweise hätte unterbringen lassen, so hatte die Regierung, schon im Interesse des Dienstes, für Bureau und Wohnung des Landrats v, Hermann die nötigen Zimmer freigemacht, der Jahre hindurch unangefochten dieses Vorteils sich freute. Kaum war v. Hartmann nun aber zurückgetreten, als die Schulbehörde für ihre Ansprüche die alte Kabinettsorder hervorzog. Stolberg von seiner Seite, der ohnehin durch die Übersiedlung nach Büren ein so empfindliches Opfer bringen mußte, bat, die Vorteile, die sein Amtsvorgänger so lange genossen, auch ihm nicht entziehen zu wollen, und die Regierung in Minden unterstützte sein Begehren. Das Gesuch um Belassung der bisherigen Räumlichkeiten hatte Stolberg am 18. Dezember 1844 abgeschickt, als bald darauf seine definitive Ernennung zum Landrat im Amtsblatt erschien, und der Regierungspräsident ihn einlud, sich nun sofort vereidigen und ins Amt offiziell einführen zu lassen, ohne die Entscheidung über die Wohnungsfrage erst abzuwarten. Für letztere möge ihm die Versicherung genügen, daß die Regierung sein Gesuch und seinen Wunsch bei den betrffenden Ministern kräftig unterstützen werde. Die Vereidigung geschah. Nun aber gelangte vom Oberpräsidenten der Bescheid herab, das Kollegsgebäude müsse der Kabinettsorder entsprechend "unabweislich" dem katholischen Schulleiterseminar überlassen bleiben und der Landrat habe den Platz zu räumen.

  Da die Mindener Regierung bisher in anderem Sinne beurteilt hatte, erfolgte zunächst ein längerer Schriftwechsel zwischen den beiden Behörden, dann gelangte die Sache an das Ministerium. Dieses entschied nach einigen Monaten, ein Teil der bisherigen Landratsräume sei dem Taubstummenlehrer für Schule und Wohnung anzuweisen, der andere Teil einstweilen zur Disposition zu halten. Was letzteres bedeuten sollte, wurde unter dem Volke bald geargwöhnt. Es verbreitete sich das Gerücht, die Räume seien vorbehalten für das evangelische Prebyterium, d.h.

Prediger, Lehrer und Schule der kleinen in Büren und Umgebung damals vorhandenen protestantischen Minorität. Der Eindruck auf die Öffentlichkeit war ein überaus peinlicher, und der Landrat, dem von amtlicher Seite nicht die leiseste Andeutung zugegangen war, gab sich alle Mühe, die erregten Gemüter zu beschwichtigen. Aber gegen Ende Mai traf ein Befehl der Regierung ein, der Landrat habe die bisher bewohnten Räume alsbald frei zu machen und vom 1. Juli ab dem evangelischen Presbyterium zur Verfügung zu stellen. Das katholische Schullehrerseminar, zu dessen Gunsten man die alte Kabinttsorder angerufen hatte, war jetzt noch schwerer geschlagen als der Landrat selbst, denn die Räume die dem Presbyterium zugeteilt waren, griffen mit denen des Schullehrerseminars so eng ineinander, daß für Lehrer und Schüler des Seminars sich vielerlei Unannehmlichkeiten ergeben mußten.

Das Volk aber in seiner Verbitterung argwöhnte die Absicht feindlicher Kontrollierung und Spionage. Um der Aufregung zu steuern und befürchteten Übeln vorzubeugen, schlug der Landrat der Regierung einen Ausweg vor, der freilich, wie er bemerkt, "durch bedeutende, von seiner Seite zu bringende Opfer erkauft" werden müßte. Aber ein Reskript vom 10. Juni 1845 wies alles zurück und bestand auf Räumung längstens bis 1.

Juli. (Später wurde die Verlegung des Landratsbureaus von Büren nach Westheim gestattet.) Es war gewiß nicht konfessionelle Engherzlichkeit oder Mißgunst wenn der mitten unter dem Volke waltende katholische Landrat sich mit einer solchen Weisung nicht sofort zufrieden gab. Er konnte sich seiner Eingabe an den Minister vom 18. Juni ruhig das Zeugnis geben:

   "Von Anbeginn meiner Amtseinführung war es mein aufrichtiges, auch aus meiner Sinnesart hervorgehendes Streben, im Sinne wahrer Duldung alle konfessionelle Rücksichten mir dem Landrate fernzuhalten; ich glaube mich auch dessen rühmen zu können, daß nicht nur nie eine derartige  Klage gegen mich begründet wurde, sondern daß auch als erfreuliches Resultat dieser Bemühungen, trotz vielfacher durch Zeitfreigeisterei und boshafte Treibereien einzelner veranlaßter Aufregungen, welche zu ignorieren ein weiser Takt uns lehrte, allgemein ein freundschaftliches und entgegenkommendes Verhältnis in gesellschaftlicher sowohl als amtlicher Beziehung stattfand."

  Wiewohl Stolberg sich keiner Täuschung darüber hingab, daß die Überweisung der Räume an das Prebyterium als ein fait accompli zu betrachten sei, wollte er doch das äußerste versuchen. Er wandte sich mit einer Immediateingabe an den König selbst mit Darlegung des Sachverhalts und der Bitte, die Regierungsakten nachprüfen zu lassen.

Gleichzeitig, unter dem 18. Juni 1845, schrieb er auch an den Minister, um ihm  klaren Wein einzuschenken:

  "Mit aller Bestimmtheit muß ich aussprechen, daß sowohl die Stadt Büren als auch sämtliche Eingesessene des beinahe ganz katholischen Kreises durch diese Anordnung tief gekränkt werden. Täglich sehe ich mit Bedauern, wie die meisten unserer Seelsorger so kärglich dotiert sind, daß sie trotz der alle Bescheidenheit überschreitenden Ärmlichkeit ihrer häuslichen Einrichtungen kaum ihr dürftiges Auskommen finden. Noch jüngst mußte der würdige Pastor Strock von Essentho seine Stelle entzogen werden, weil er und zwar zunächst infolge drückender Brotsorgen zunächst auf demPunkte war, seinen beiden unmittelbaren Vorgängern ins frühe Grab zu folgen. Analoger Fälle ließen sich viele anführen. Und was geschieht von Staats wegen für solche mit Hunger und Kummer kämpfende Herden? In vorliegenden Falle aber findet es kein Bedenken, in einem seiner ursprünglichen Fundation nach rein katholisch-kirchlichen Zwecken gewidmeten, durch Allerhöchste Kabinettsorder katholischen Schulzwecken überwiesenen Gebäude ein evangelisches Presbyterium zu etablieren. Daß so schroffe Gegensätze bitter fühlbar werden, scheint selbstredent zu sein. Mag man die Gemüter immerhin damit beruhigen wollen, daß diese Überweisung keine definitive , sondern nur eine zeitige Vermietung sei, so hält das größere Publikum solche Worte doch nur für Redensarten und Kunstgriffe und wittert wohl gar den Zweck geheimer Kontrolle...

  "Ew. Exzellenz scheinen zwar  anderer Ansicht zu sein. Mögen die Folgen meine Besorgnis nicht rechtfertigen. Jedenfalls folge ich nur meiner Pflicht, indem ich, wie hiermit geschieht, gegen Ew. Exzellenz davon kein Hehl mache."

  Der viele Verdruß, den diese Angelegenheit bereitete, wurde einigermaßen wieder aufgewogen durch die glückliche Förderung einer andern Sache, die Stolberg längst am Herzen gelegen hatte. Er war entschlossen, alles aufzubieten, um für Büren eine Niederlassung von Barmherzigen Schwestern zu Stande zu bringen, und hierin hatte er seine Gemahlin zur begeisterten Eideshelferin. Soeben erst war er als Landrat offiziell bestätigt, als sie am 3. Januar 1845 an ihn schrieb: "Suche doch die Sache der Barmherzigen Schwestern bis auf einen gewissen Punkt voranzutreiben. Im Falle Du dann nach Berlin gehst, da könntest Du dann gleich Haus, Garten und Geld zum Bau flott machen, vielleicht." "Ich freue mich sehr", meint sie kaum zwei Monate später (20. Februar), "daß Du diese Woche für die Barmherzigen Schwestern tätig sein willst und vereinige mich recht im Gebet mit Dir, daß der liebe Gott dieses Unternehmen wolle gelingen und es Dich zu Seiner Ehre und in Seinem Namen wolle anfangen  und vollenden lassen." " Ich freue mich", heißt es kurz darauf, "daß Du im Krankenhaus in Warburg gewesen bist. Wolle Gott Deinem Unternehmen mit den Barmherzigen Schwestern für Büren seinen Segen schenken; ich meine gewiß, es werde Gedeihen haben."

  Daß es am guten Anfang nicht fehlte, bezeugt das Wort der Gattin vom 19. März 1854: "Die Angelegenheit der Barmherzigen Schwestern ist also nun ins Leben getreten. Gott wolle seinen Segen dazu geben!" Noch auf Jahre hinaus erscheint Graf Stolberg mit dieser Sache beschäftigt. Als er im Januar 1848 zu den Ständen nach Berlin mußte, benutzte er den Aufenthalt zum Studium der dortigen Krankenhäuser und musterte mit größter Sorgfalt das damals noch recht ärmliche Hedwigskrankenhaus und das mit königlicher Freigebigkeit glänzend ausgestattete Bethanien der Diakonissinnen. Er war in der Absicht gekommen, auch an höherer Stelle die Angelegenheit persönlich zu betreiben. "Bin doch begierig", schreibt dazu die Gattin am 4. Februar 1848, "was Du mit Deinem Geschäfte ausrichtest in Berlin." Unter gleichem Datum hatte der Graf von Berlin aus seiner Therese bereits Nachricht gegeben.

  " Unsere Geschäftsangelegenheit ist wohl so gut eingeleitet, als es nur möglich und tunlich war. Durch Anton (Graf Stolberg-Wernigerode, Minister des Kgl. Hauses) habe ich sie dem König eingenhändig, der bei einer Tafelaudienz auch mit mir darüber sprach und mir das Versprechen gab, der Sache ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Mit Anton habe ich hierüber gesprochen. Dann war ich bei Bodelschwingh, Manteufel, Lette und anderen Ministeralräten, durch deren Hand möglicherweise die Sache gehen kann, die gründlich von mir vorbereitet ist. Jedenfalls wird der Bescheid bald erfolgen."

 

 

  Neben dem Bürener Krankenhaus beschäftigte den Grafen 1845 lebhaft auch der Bau der Chaussee Westheim-Paderborn. Geschickte Strassenanlagen waren ein Hauptverdienst seines Bruders Leopold in den Kreishauptmannschaften von Brünn und Salzburg gewesen. Joseph Stolberg, der als Offizier in Ungarn nur allzu viel erfahren mußte, was schlechte Strassen bedeuteten, hatte schon damals für Wegebauten ein offenes Auge gehabt. Die Erfahrungen von damals kamen jetzt dem Kreise Büren zu gute.

  Seine redlichen Bemühungen und Opfer für das Wohl des Volkes wie seiner Loyalität gegen die Regieung sich bewußt, hegte Stolberg kein Bedenken, auch den Behörden gegenüber, wo sich ein Anlaß bot, frei seine Meinung herauszusagen. In dem gleichen Jahre 1845, in welchem er wegen das Bürener Kolleggebäudes dem Minister Vorhaltungen machte, gelangten an ihn Mitteilungen eines Domänenrentmeisters, der eine im Volke bestehende, starke "Aufregung gegen den Fiskus" beobachtet haben wollte, die namentlich in zahlreichen teils schon angestrengten teils beabsichtigten Prozessen von Gemeinden wie Privaten sich kundgebe.  Nach vorausgegangener erster Mitteilung wurde dem Landrat um die Mitte Juni eine schriftliche Darlegung eingereicht, und dieser sah sich nun genötigt, der Regierung gutachtlich darüber zu berichten. Stolberg ließ sich Zeit, um alles zu untersuchen und bis ins einzelne festzustellen.

Unter dem 31.August 1845 reichte er dann ein ausführliches Gutachten ein in welchem er die tiefe Verstimmung schilderte und erklärte, die in der Bevölkerung wirklich vorhanden war, aber auch über die Mißgriffe von Seiten der Behörden sich unverhohlen aussprach.

  Er ließ sich dabei sehr auf das einzelne ein und belegte alles genau mit Vorfällen aus der jüngsten Vergangenheit. Konfessionelle Verhältnisse wurden dabei in keiner Weise berührt, es handelte sich lediglich um fiskalische Maßregeln, vielfach um Beeinträchtigung des Volkes hinsichtlich der Waldnutzung u. dgl. Aber manches klang wie ein Vorwurf, wie eine nur mühsam verhaltene ernste Anlage gegen die Behörde.

So hieß es u.a.:

  "Es wird darüber geklagt, daß wenn bei gemeinnütigen Anlagen der Fiskus in irgend einer Art beteiligt sei, von fiskalischer Seite Weitläufigkeiten gemacht würden, daß der Fiskus dann auch das kleinste Opfer von sich abzulehen strebe und daß dergleichen Anlagen auf diese Weise zum Nachteil des Gemeinwohls gehemmt würden ...Ausserdem aber ist

man- was freilich die Königliche Regierung nichtals fiskalische Behörde angeht-allgemein unzufrieden über denäußerst langsamen Betrieb aller im Interesse des Kreises gefertigten Bauanlagen, indem man sehr ungünstige Vergleichungen mit den Unternehmungen dieser Art in den angrenzenden Kreisen des Regierungsbezirks Arnsberg anstellt.

  "Ich darf hier nur noch an die Wegebauten nach Alme und zur Diemel und das nun seit vier Jahren nicht fertigzuschreiben gewesene Kreisgefängniss erinnern. Hier muß ich auch noch das schon vorher gedachten Hegensdorf-Weiberger Wegeprojektes erwähnen, dessen Ausführung bloß durch Weitläufigkeiten des Forstfiskus bis jetzt unterblieben ist.

Die neue Wegelinie läuft auf einer kleinen Strecke durch den Königlichen Forst, und wenn auch der Forstfiskus bereitwillig das Terrain hergab, so erregte es doch in der Gemeinde große Indignation, daß man ihnen in dem zur Vollziehung vorgelegten Vergleiche die Last der Unterhaltung dieser Strecke allein aufbürden wollte, ohne daß davon bei den früheren Punktationen irgend die Rede gewesen wäre."

  In dieser rückhaltlosen Aussprache der Behörde gegenüber hatte Stolberg eine Pflicht erkannt, er wußte schon, das Vorhaltungen solcher Art nach oben nicht genehm machen, und sah ruhig der weiteren Entwicklung entgegen. Auch in seinem näheren Freundeskreis wurde das Wagnis besprochen. Freiherr Max v,Loe-Allner ließ ihm durch den Grafen Cajus am 16, Januar1845 sagen, er finde den Bericht "zu scharf". Loe selbst pflegte bei Dienstberichten  die äußerste Sorgfalt aufzuwenden, um die Form nicht zu verletzen und bei aller Aufrichtigkeit in der Sache jede Schärfe zu vermeiden. Er rühmte sich daher auch, daß, wiewohl er als offener Vorkämpfer der katholischen Interessen bekannt war, in dienstlicher Beziehung an ihn als Landrat niemals etwas gelangt sei, was irgendeinem Verweise ähnlich sah.

  Dessen konnte freilich Joseph Stolberg sich nicht rühmen, denn das Ungewitter, das vom Regierungstische her am29. März 1846 über ihn hereinbrach, war fürchterlich: er habe sich" erlaubt, die Maxime, und Maßregeln der Staatsverwaltung auf eine ganz ungeeignete Weise und in einer sehr anstößigen Schreibart zu kritisieren", an ihm sei es gewesen, das unzufriedene Volk aufzuklären, über einzelne Fälle aber bei der Regierung anzufragen. Es wurde ihm wegen des " ganz unangemessenen Tones, mit dem er die Maßregeln der Verwaltung verunglimpft habe", das ernsteste Mißfallen" wegen Haltung und Fassung seines Berichtes ausgesprochen; "nur mit Rücksicht auf die Kürze des Dienstes solle von weiteren Maßregeln gegen ihn abgesehen werden".

  Noch lange hatte der freimütige Landrat zu fühlen, daß er in Ungnade sei. Als noch im Sommer des gleichen Jahres der Termin für die Rekrutenaushebung nahte, hatte Stolberg seine übrigen Angelegenheiten dahin geordnet, daß er ungestört dieser mächtigen Funktion sich widmen könne. Aber kurz vor dem Termin überraschte ihn die Mitteilung, die Aushebung sei einem anderen übertragen; er hatte zu gewissen Ermittlungen den Kreis Borken zu bereisen. Im Frühjahr 1847 fand die Wahl für die Stände statt, die in Berlin zusammenberufen werden sollten.

Wie der Landrat von Höxter, so war auch der von Büren gewählt. Aber während der eine unbehindert nach Berlin ging, traf in Westheim am 5.März 1847 ein Schreiben des Oberpräsidenten ein, daß die erforderliche Dispens ihm nicht erteilt werden könne. Stolberg, der eben auf Reisen war, erfuhr erst am 10. März in Nordkirchen aus dem Westfälischen Merkur die "Nichtbestätigung seiner Wahl". Er wie seine Familie hatten Ursache, dessen froh zu sein, es ersparte ihnen längere Trennung. Aber eine fühlbare Zurücksetzung war es doch. " Onkel Paul (Merveldt)", schreibt die Gräfin am 6. März, "war heute Nachmittag hier und sehr gekränkt, daß Du nicht nach Berlin sollst."

  Es währte indes nur ein Jahr, und Stolberg sollte seine volle Rechtfertigung finden. Im Januar 1884 reiste er zum Vereinigten Landtag nach Berlin. Er fand guten Anhalt an dem Haupt des Stolbergschen Hauses, Graf Anton Stolberg-Wernigerode, der beim König eine einflußreiche Stellung einnahm.

  "Gestern war ich beim König zur Tafel befohlen", erzählt Graf Joseph am 30. Januar seiner Frau, "und hatte nachher eine kurze Audienz, in der ich ihm meine Ansicht mitteilte, daß man uns an der Nase führen wolle.

Er hat mir versprochen, meine Vorstellung selbst zu lesen. Da ich sehr wünsche, noch einmal zu Wort zu kommen, denke ich bis Donnerstag hier zu bleiben. Mit Bodelschwingh. Anton und einigen höheren Beamten sprach ich sehr ausführlich."

  Aber mit dem Sprechen war jetzt nicht mehr viel auszurichten; noch von der Reise aus kündete Stolberg am 12.Februar 1848 seiner Gattin "schwere Zeiten, die uns unabweisbar bevorzustehen scheinen". Er war wieder zu Hause und an der Stelle seiner Pflicht, als in Berlin die Märzunruhen ausbrachen, die dem preußischen Königtum so große Verdemütigung, den Untertan der preußischen Krone aber die Aussicht auf verfassungsmäßige Sicherung ihrer Rechte bringen sollten.

Die rasch um sich greifende Erregung machte nicht Halt vor dem treuen Westfalenlande. Zu viel Unzufriedenheit und Mißtrauen hatte sich dort angesammelt. Der Freiheitstaumel ergriff selbst die Bauern. Plötzlich, bald hier bald dort, ohne näher erkennbare Veranlassung, brach der Lärm los. Anfangs war es meist ein kindisch lächerlicher Putsch, doch ein unbedeutender Zwischenfall genügte, um sofort alles in gewaltsame Rohheit, Bosheit und Zerstörungswut umschlagen zu lassen. War einmal ein Haufe beisammen, so genügte schon ein aufreizendes Wort, um die trunkende Rotte zu jeder Ausschreitung hinzureißen. An gewissenlosen Hetzern von auswärts fehlte es dabei nicht. Die Leute selbst wußten gewöhnlich nicht, was sie wollten, und beriefen sich nur auf irgendein unverstandenes Schlagwort. Wo Lasten und Pflichten aus einer früheren Rechtsordnung sich noch erhalten hatten, richteten sich Beschwerden und Forderungen gegen diese; aber da dieselben in Preußen vielfach bereits abgeschafft waren, so blieb nur die Wut gegen alles, was irgendwie durch Autorität oder Besitz über die Menge sich erhob: Beamte, Geistliche und- die Juden. Der Hauptzorn, der sich von lang her gegen die Regierung und den Fiskus angesammelt hatte suchte sich zunächst gegen die Gutsherren zu entladen. (Kölnische Zeitung, 3. April 1848: Paderborn. 30 März 1848:

In unserem sonst so ruhigen Lande geschehen jetzt an vielen Orten arge Dinge. Von vielen Orten auf einmal hört man von Rottierungen und Zerstörungen. Der Unwille der Haufen trifft vorzugsweise die adeligen Gutsbesitzer...Die Bauern legen, ehe sie angreifen, Artikel zur Annahme vor, in denen des Unsinnigen genug ist.)

  Selbst ein Mann wie Andreas Stolberg auf Söder, ein Guttäter der ganzen Umgegend weit und breit und mit dem Volke stets im besten Einvernehmen, sah sich mit einem Male von aufgeregten Haufen bedroht.

Dort im Hannoverschen wurden schlimmere Ausschreitungen durch die Furcht vor den fliegenden Kanonen hintangehalten, die nach allen Richtungen hin das Land durchzogen. Dennoch hatte , während Graf Andreas amtshalber in Hannover weilte, das Haus Söder in Gefahr geschwebt. Auf die erste bestimmte Nachricht hin setzte seine Frau, die mit den Töchtern allein war, das Haus in Verteidigungszustand und bewaffnete das Gesinde.

Entschlossen wurde der Angriff erwartet, aber der Feind zog ab.

  Schlimmer stand es im preußischen Westfalen, wo die Behörden größtenteil völlig rat-und hilflos der elementaren Volksbewegung gegenüberstanden und militärischer Schutz nur schwer zu erlangen war.

Die Bauern fielen über die Herrschaftshäuser her. Schlösser wie Dülmen, Fürstenberg und Padberg. wurden teils verwüstet teils eingeäschert. In Fürstenberg, Bruchhausen und an anderen Adelsitzen wurden die kostbaren Familienarchive von Grund auf zerstört. Stolberg als Landrat von Büren hatte über die Ruhe und Sicherheit des Landes zu wachen, und so viele alte Adelssitze lagen gerade in seinem Amtsbereich. Er war durch die begangenen Ausschreitungen aufs tiefste erschüttert und von Entrüstung erfüllt. Bei der ersten Nachricht von dem Überfall auf Fürstenberg versicherte er sich noch vor Nacht militärischer Hilfe. Des andern Morgens war Fürstenberg umstellt und die Rädelsführer gefangen. Aber erst wurden sie gebunden und nach Laer eskortiert, um vor dem Grafen Westfalen wegen des wüsten Sengens und Brennens Abbitte zu tun. Dann erst wurden sie den Gerichtsorganen übergeben.

  Das energische Einschreiten des Landrats wirkte ernüchternd auf die Bauern der Umgebung, schuf ihm aber auch bei den näher Beteiligten grimmen Haß. Von Amtswegen genötigt, vielfach das Land zu durchkreuzen, oft auf einsamen Wegen, und erst spät abends nach Hause zurückkehrend, mußte er lange Zeit hindurch immer gefaßt sein, unversehens angefallen oder meuchlings gemordet zu werden. So schickte er noch am 30. März 1848 von Paderborn den flüchtigen, aber vielsagenden Zettel an seine Gattin nach Hause:

  "Bitte, sage Klocke, er soll sich nur gänzlich beruhigen und gut Wache halten. Ob ich heute wieder zurückkomme, weiß ich nicht. Möglich ist es.

Wie Gott will. Wir sind in Gottes Hand. Es geht mir gut, und ich bitte Gott, daß er uns in seinen Schutz nehme."

  (Köln. Zeitung 29. März:" In dem Fürstentum Fürstenberg, Paderborn, welches ebenso wie unser Herzogtum von allem Militär entblößt ist, mag es nicht besser gehen, den soeben verbreitet sich das Gerücht, das Pöpelhaufen bereits seit zwei Tagen damit beschäftigt sind, das prachtvolle Schloß des hier beliebten Grafen von Westfalen gänzlich zu demolieren. Allerorten herrcht Schrecken und Verwirrung").

  Aber auch in Westheim selbst war der Tummult losgebrochen. Ein Haufe erhitzter, großenteils stark angetrunkene Bauern kam lärmend und tobend vor das  Haus gezogen. Sie wußten nicht, was sie wollten. Die gutsherrlichen Lasten waren schon unter den letzten Vorbesitzern des Gutes abgelöst worden. Aber der eine wollte jetzt früher abgelöste Rechte wieder haben, der andere klagte über Benachteiligung bei der Aufteilung des Bodens und verlangte ein besseres Grundstück, wieder andere begnügten sich, nach Freiheit und Gleichheit zu brüllen.

Stolberg, ruhig und fest, ging mitten unter die Leute und suchte sie durch Zureden zu Vernunft und Rechtsachtung zurückzubringen. Aber gelang es ihm, an der einen Seite zu beschwichtigen, so brach an einer andern der Lärm wieder los. Ein langjähriger treuer Diener wollte in seiner Nähe bleiben, mit der Pistole unterm Rock verborgen. Stolberg schickte ihn weg: "Geh hinein, die Gräfin könnte dich brauchen."

  "Von der 1848er Revolution", schreibt die älteste Tochter, damals ein Kind von neun Jahren, "erinnere ich mich noch ganz gut des Auflaufes und Geschreis vor dem Hause. Die Leute waren sehr betrunken und machten einen fürchterlichen Spektakel. Papa ging auf die Treppe hinaus und redete ihnen zu, aber immer begann das Geschrei wieder. Es war eigentlich greulich. Aber die Eltern waren so ruhig dass ich gar nicht das Gefühl der Angst hatte."

(Um der Arbeitslosigkeit und Not der Leute zu steuern, hatte Stolberg in jenem Frühjahr einen großen Weg gegen den Felsberg hin anlegen lassen, an welchem viele Beschäftigung fanden. Diese selben Leute waren es zum großen Teil, die , aufgehetzt von anderen zu jenem Tummult sich zusammenzurotten. In der Familie hieß dieser Weg seitdem "Revolutionsweg", eine Bezeichnung, welche die Westheimer später sehr verdross.)

  Als mit dem Einbruch der Dunkelheit das Geschrei und der Tummult nicht nachließen, bot  Stolberg seine Gattin an, von der Rückseite des Hauses aus mit den Kindern im Wagen davonzufahren, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Gräfin wollte ihren Mann in der Stunde der Gefahr nicht verlassen. So begann man denn, für die Nacht die Fenster zu verrammeln, vor den Blendläden Leitern zu befestigen und alle Vorkehrungen gegen gewaltsamen Angriff zu treffen. Allein mit der Nacht kam die Ruhe, des folgenden Morgens war Westheim wieder nüchtern, und die Revolution war vorüber.

  Ein paar Tage später, als die Ordnung wieder hergestellt war, schickte Stolberg einen Bericht über die bestandenen Wirren an seinen Bruder Andreas auf Söder, der gleich ihm mitten in der Brandung gestanden.

Dieser schrieb am 9. April zurück:

" Ich danke Dir für die Nachricht von der großen Gefahr, die Gott gnädig von euch abgewendet hat. Mit großer Spannung las ich Deinen Brief vom 6.

d.M., den ich gestern Abend erhielt, immer fürchtend, daß es Dir wiederholt nicht geglückt sein würde den Sturm zu beschwören, und am Ende des Briefes schlimmeres gemeldet würde. Ihr habt euch vortrefflich dabei benommen, auch flöst die Persönlichkeit Respekt ein, zumal  bei Empörern wie jene , die nicht wissen, was sie eigentlich wollen, und sich, wenn man ihnen früher nichts zu Leide getan hat, doch selbst in der Aufregung, wenn sie noch nicht zu arg geworden ist, früherer Wohltaten erinnern.

  Wir hatten in Dresden noch einige Revolution miterlebt, als wir am 14.

März nach Brauna fuhren. Dort erhielten wir die Wiener Nachrichten, dann die Berliner Neuesten am 21. d.M. und fanden in den Städten überall große Aufregung...Während der paar Tage meiner Abwesenheit war hier Schrecken und Unruhe. Hunderte von Harzern plünderten Ölper, Binde und Derneburg und zogen dann hierher zu plündern...Leicht wird kein Angriff wie der berufene erfolgen, wenn die traurigen allgemeinen Zustände nicht noch trauriger werden. Recht und Zucht und Ordnung überhaupt, so wie da geschehen, gehandhabt werden können.

  ....Betragen sich unsere Frauen auch so brav und entschlossen, so ist doch natürlich Schrecken und Angst und Sorge erschütternd und angreifend, was -Gott gebe!- ihrer Gesundheit nicht schaden möge!"

  Graf Joseph hatte inzwischen einen wichtigen Schritt getan. Sobald die Gefahr vorüber war, bat er die Regierung um Enthebung von seinem bisher so opferreichen und so undankbaren Landratsposten. In dem betreffenden Schreiben vom 3. April 1848 spricht er sich aus:

  " In meinem Gewissen fühle ich mich verpflichtet, jetzt, nachdem die Oberfläche wieder beruhigt und die gesetzliche Autorität wieder in ihre Rechte eingetreten ist, Ein hohes Gouvernement dringend zu bitten, mich möglichst bald von der ferneren Verwaltung des hiesigen Landratsamtes zu entbinden. Denn wenn es schon in ruhigen Zeiten einer mehr als gewöhnlichen Tätigkeit und Energie bedurfte, um mit den vorhandenen Unterbeamten des Kreises die Sache einigermaßen im Geleise zu erhalten, so ist es unter jetzigen Verhältnissen unmöglich, mit solchen Hilfsmitteln die Ordnung ferner zu erhalten, oder wo sie gestört war, sie wieder herzustellen. Ich persönlich kann mich aber jetzt umso weniger in dem gerade in diesem Augenblick erforderten Umfange der Kreisverwaltung hingeben, da die Zeitbewegung auch auf meine eigenen Geschäfte und die mich persönlich betreffenden Verhältnisse den Einfluß ausgeübt hat, daß deren

  "Handhabung und die Sorge für meine Familie mich ausschließlich in Anspruch nehmen. Mit Hintansetzung aller meiner persönlichen Interessen, selbst meiner persönlichen Sicherheit sehe ich mich doch von meinem Standpunkte aus  in die Unmöglichkeit versetzt,

  eine genügende Vertretung der Interessen des Kreises ferner mehr zu verbürgen, und erlaube mir umso desto dringender die Wiederholung meiner obigen Bitte, möglichst bald für eine fernere Besetzung der hiesigen Landratstelle hochgeneigtest Sorge  tragen zu wollen."

  Die Regierung, in diesem Augenblick selbst rat- und hilflos, sah sich außer Stande, sofortige Neubesetzung zu verfügen, und überließ es den Deputierten des Kreises, einen Ersatzmann zu finden. Der zweite Kreisdeputierte, Freiherr Reinhard v. Brenken-Verne, erklärte sich bereit, sogleich nach den Wahlen Mitte Juni in die Funktionen des Landrates einzutreten, und die Regierung war es zufrieden. Stolberg fiel es noch zu, als Landrat im Laufe des April an die Bewohner des Kreises Büren den Wahlaufruf für Berlin zu erlassen; derselbe gipfelte in dem Satze:

  "Ein Mann, der seinen Glauben frei und unumwunden bekennt, der in der Anhänglichkeit an seine Kirche und im Gehorsam gegen die Gebote Gottes wie gegen die Vorschriften seiner Kirche seine ganze Kraft findet..., der ist unser Mann."

  Unter dem 8. Juni 1848 erteilte der König dem bisherigen Landrat die nachgesuchte Amtsentlassung "unter Bezeugung der allerhöchsten Zufriedenheit mit der Pflichtgetreuen Amtsverwaltung."

   Im Orte Westheim war inzwischen Ruhe und Ernüchterung wiedergekehrt, und die Einsicht gewann die Überhand, dass man einem aufrichtigen Volksfreund und Guttäter der Gemeinde mit schnödem Undank gelohnt habe.

Daher das Bestreben, die hässlichen Vorgänge in Vergessenheit zu bringen.

Am 10. Juni 1848 erwählte der Schützenvorstand von Westheim den Grafen Joseph Stolberg zu seinem Schützenobersten. Dieser trug für " die Affenkomödie" des Schützenvereins nicht gerade allzu, großen Respekt, allein den guten Willen und die dargereichte Hand der Versöhnung wollte er nicht zurückweisen. Er benutzte die öffentliche Feier, um in einer kräftigen Ansprache den Mitbürgern einige heilsame Lehren einzuprägen.

Die Reue war ehrlich und die Versöhnung nachhaltig. Zum Dank, dass der Graf die Wahl zum Obersten angenommen, und zur Erinnerung an seine mächtige Ansprache beschloss der Schützenvorstand, auf dem Büchenberg, Stolbergs Wohnung gegenüber, ein Kreuz zu errichten. Am 12. August 1848, dem Geburtstag des Grafen, kam das "Schützenkreuz" an seine Stelle, ein "Zeichen der Liebe und Freundschaft."  

 

 

Ein Ende in Segen. 1859

 

Ein schöner Tag war ihm beschieden. Gegen Mitte Januar erhielt er den Besuch zweier seiner Brüder, den Grafen Bernhard und Cajus. Das Zusammensein  der drei Brüder am 12, Januar 1859 war ein überaus gemütliches und wohltuendes. Niemand ahnte, daß es die Abschiedsfeier war. Kaum eine Woche später brachte der Telegraph die Nachricht, daß Graf Bernhard nicht mehr unter den Lebende sei. Montag dem 17. Januar war er mit seinem Sohne in Breslau um die heiligen Sakramente zu empfangen. Nach der Heimkehr gegen Abend machte ein Unwohlsein sich bemerkbar, das bald bösartigen Charakter annahm. Mit großer Ruhe und bei voller Besinnung ließ er sich die Sterbesakramente reichen; am Freitag dem 21. Januar war er sanft entschlafen. Um der Witwe Beistand zu leisten und die Vormundschaftsangelegenheiten zu ordnen, eilten sogleich die Brüder des Verstorbenen herbei. Als Graf Casius am 24. Januar anlangte, kam ihm auf der Straße gerade der Leichenzug entgegen. Graf Joseph konnte erst einen Tag später den Sterbeort erreichen. Wiewohl der Verstorbene alles in der vorzüglichen Ordnung hinterlassen hatte, gab es doch mancherlei Geschäfte zu erledigen, und Besuche der in jenen Gegenden ansässigen Verwandten waren gelegentlich der Rückreise kaum zu vermeiden. So währte es bis zur Nacht, die der Eröffnung des ewigen Gebetes in Westheim vorausging, am 18. Februar, ehe Stolberg zu den Seinen zurückkehrte. Am 27. März stärkte er sich durch den Empfang der heiligen Sakramente zu einer abermaligen Reise. Er trat sie mit Sorge an, es galt die Ordnung schwieriger Geschäftsangelegenheiten. Als er am 29, März von Gimborn aus schrieb, das er hatte besuchen müssen, verriet er nichts davon, daß er sich unwohl fühle. Aber als er am folgendem Morgen gemäß  seinem Reiseplane nach Belgien weiterreisen wollte, fühlte er sich ausserstande. Er nahm sich einen Tag der Ruhe; am Vormittag des ersten April war er in Tournay, wo Fritz Loe ihn an der Bahn abholte und seine Nichte, Gräfin Mathilde Robiano, ihn in der Wohnung erwartete.

Schon am Tag der Ankunft begannen die Konferenzen und Beratungen, er schrieb von einer schweren Sitzung, die drei Stunden gewährt habe. Der Sonntag 3. April, brachte  eine Unterbrechung. Stolberg ging nach seiner Gewohnheit zur heiligen Messe und gab auch noch, da sich ein Anlaß bot, ein Almosen; aber als die Zeit für den Nachmittagsgottesdienst kam, den er hatte besuchen wollen, fühlte er sich krank. Er hielt es nur für eine vorübergehende Erkältung, allein der Arzt, der herbeigerufen wurde, nahm die Sache ernst und war voll Besorgnis. Das Übel schritt rasch voran.

Montag nachmittag, am 4. April, mahnte der Arzt, an die Sterbesakramente zu denken. Stolberg hatte Bedenken, er sei nicht krank genug, allein er fügte sich. Abends 9 Uhr kam der Rektor des Jesuitenkollegs, der Stolbergs besonderes Vertrauen besaß, Die Vorbereitung bei diesem Kranken war leicht; er pflegte alle Wochen zu beichten und mehrmals die Woche zum Tische des Herrn zu gehen. Noch in den letzten Tagen hatte er wiederholt das heilige Sakrament empfangen. Seitdem er krank lag, hatten Gebet und Erwägungen geistlicher Art alles andere zurückgedrängt. Auch jetzt, nachdem  die letzten Gnadenmittel ihm gespendet waren, blieb das Gebet sein Trost, indes mehr und mehr die Kräfte schwanden. In der Morgenfrühe des 5. April , etwa um 3 Uhr, gaben die Zeichen der nahen Auflösung sich kund. Das Bewußtsein schien den Sterbenden schon verlassen zu haben, als man ihm nochmals vorbetete: Gelobt sei Jesus Christus. Er schien es nicht mehr zu vernehmen. Es wurde wiederholt, da antwortete er sterbend: Ja!--Amen! Damit schloß seine irdische Laufbahn.

  In der Familiegruft zu Rumillies wurden Stolbergs sterbliche Überreste neben denen seiner Mutter und seiner Schwester Maria beigesetzt, in Westheim aber trauerte eine junge Witwe; neun unversorgten Kindern sollte sie den Vater ersetzen und das zehnte trug sie noch unter dem Herzen. Erst am 25. Juni 1859 brachte sie ihren jüngsten Sohn zur Welt; er erhielt nach dem Vater den Namen Joseph; am 24.Oktober1888 ist er als Priester des Dominikanerordens fromm verstorben.

  Mit dem Schicksalsjahr 1859, das für die kirchlichen nicht minder als für die politischen Verhältnisse Europas eine neue Epoche eingeleitet hat, ist Stolberg vom Schauplatz geschieden; Es ist ihm erspart geblieben, die grundaufwühlungen geistigen Umwälzungen mitzuerleben, die seitdem über Deutschland hingagangen sind. Mit ihm schwand eine Charakterfigur, wie sie heute immer seltener werde.

 

Dann folgen Beileidsschreiben von hohen geistlichen und politischen Personen an die zurückgebliebene Gräfin.

 

Ferner sind folgende Artikel im Buch "Joseph Graf zu Stolberg -Westheim" erschienen:

 

1. Sondermühlen -Münster-Bonn. 1804-1824

2. Brig-Freiburg-Rom. November 1824 bis Januar 1833

3. Unstät und unschlüssig. Januar 1833 bis August 1834

4. Soldatenleben in Ungarn. August 1834 bis Oktober1837

5. Gimborn und Westheim. 1838- 1850

6. Der Landrat des Kreises Büren. 1843-1848

7. Im Dienste des katholischen Deutschland. 1848-1859

8. Die Grundsteinlegung zum Bonifaziusverein. Oktober 1849 bis September 1850

9. Die eigene Häuslichkeit. 1850-1859

10. Innerliche Anliegen im Vaterland. 1848-1859

11. Die Katholische Fraktion. 1852-1853

12. Der Bonifaziusverein in der Entfaltung. 1850-1859

13. Ein Ende in Segen. + 1859

 

Anmerkung: Da es aus dieser Zeit angeblich keine Aufzeichnugen von Westheim gibt habe ich mir die mühevolle Arbeit gemacht diese Artikel

aus der alten deutschen Schrift in die heutige Schrift zu übersetzen, um etwas Licht in diese Vergangenheit zu bringen, sei es um die Bedeutung des Kreuzes auf dem Büchenberg und andere.

 

Ein großer Dank geht von mir an Herrn Jörg Erkel von der Firma HRT in Marsberg, der es ermöglichte, daß spätere Generationen noch einen

kleinen Einblick haben "Wie es damals war."

 

Wolfgang Becker

Ortsheimatpfleger

Westheim

2014

 

Zur Geschichte von Westheim

 

Westheim, in den Urkunden auch Westen, Westhem, Wuesten, Westheym, Westheymb genannt, ist in seiner jetzigen Lage, "up der Dimel, uppe der Dymele, beneben dem Marsberge," ein alter Ort.

Im Jahre 1080 wird er zuerst urkundlich erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einem adligen Geschlecht (Ministeriales), das sich Herren von Westem oder Westheym nannte. Als Pfarrort wird Westheim 1050 zuerst genannt, bei der Aufzählung derjenigen Kirchen des Paderborner Landes, über welche dem Kloster Corwey das Collations-(Besetzungs) Recht zustand. Durch Corveyer Mönche, zu denen auch das Kloster auf der Eresburg, Obermarsberg, gehörte, das Karl d. Gr. 785 dort gegründet hatte, wurde hier die Kirche gegründet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der hl. Vitus der Kirchenpatron ist. Corvey besaß die Reliquien dieses Heiligen und war bestrebt, seine Verehrung zu verbreiten und ihm zu Ehren Kirchen zu erbauen.

In der Zeit seines Bestehens sah Westheim mancherlei Ungemach:

Krankheit, Hungersnot und Krieg brachten viel Leid. Der"schwarze Tod", die Pest wütete mehrmals, so zuerst 1540 und 1541, dann wieder 1625-26; und als die Einwohner glaubten, nunmehr bewahrt zu sein, trat sie 10 Jahre später noch schlimmer auf; 2 Jahre lang ging das Gespenst des Todes umher, unterstützt von dem Würgengel Ruhr und holte sich zahlreiche Opfer. Nach 3 Jahren waren es die Blattern, die für den Tod Ernte hielten. Dann erzählt die Chronik nicht wieder von solcher Heimsuchung bis zum Jahr 1813, da in den Monaten August und September

800 Menschen an einer bösen Seuche krank lagen und 27 starben. An Einwohnern zählte das Dorf nur 496 Seelen. 1839 herrschte im Dorf die

Friesel- oder Fleckkrankheit, an der fast 30 Menschen starben; noch fühlbarer war Gottes prüfende Hand im Jahre 1874: Ruhr und Scharlach forderten nicht weniger als 54 Opfer.

"Betrübte, armselige Zeiten", wie es im Allgemeinen Gebete heißt, sah Westheim oft; besonders schrecklich war die Hungersnot des Jahres 1539, die das gesamte Paderborner Land heimsuchte, sodaß selbst vornehme Leute bettelten. Hundert Jahre später war abermals entsetzliche Teuerung; zu den Schrecken der Pest gesellte sich der Hunger, und Erdbeben vermehrte die Angst und Not. Aber Westheim speziell wurde betroffen im Jahre 1758, da ein schreckliches Unwetter am 10. Juni die ganze Ernte vernichtete.

Und nun entstand eine Teuerung, die furchtbar war. Mitleidige Soldaten gaben den Bauern, die Wasser in das Feldlager am Velsberg brachten, Brot. Im November 1790 kostete 1 Scheffel Weizen 5 Reichstaler 6 Groschen, der Roggen pro Scheffel 3 Reichstaler 12 Groschen,eine Molle Salz 20 Reichstaler. Im Juni 1762 kostete der Scheffel Roggen 9 Reichstaler, der Scheffel Gerste 7 Reichstaler 18 Groschen, das Maß Branntwein einen halben Reichstaler, 1 Pfund Kaffee 30 Groschen. Die Bauern backten sich Brot von Eicheln und starben vielfach an Verstopfung.

Im vorigen Jahrhundert waren immer wieder schlechte Erntejahre, und infolgedessen Teuerung, deren sich alte Leute wohl noch erinnern werden.

Unsere jetzige Jugend kann sich nicht vorstellen, wie hart und unter welch bitteren Entbehrungen damals die Kinder aufwuchsen. Schon im schulpflichtigen Alter mußten sie den Eltern in schwerer Arbeit helfen, so z.B. beim Dreschen. Damals hatte man noch keine Dreschmaschinen, alles mußte mit der Hand geleistet werden. Wie schwer mag es da manchem kleinen Buben oder Mädel geworden sein aufzustehen, wenn die Mutter um 2 Uhr morgens weckte und dem schlaftrunkenem Kind den Flegel in die Hand gab. Neben aller Müdigkeit empfand es Hunger, denn nur zu oft hatte die Abendmahlzeit aus einer "Kartoffel-Spelte" bestanden. Das Jahr 1843 brachte wegen anhaltender nasser Witterung im Frühjahr und Vorsommer eine schlechte Ernte. Alles war schlecht geraten und das wenige kam nicht gut ein. Da konnte die Not nicht ausbleiben. Es fehlte an Brot und Getreide. Graf Stolberg ließ von seinem Korn Brot backen und unter die Armen in Westheim, aber auch in Oesdorf, Meerhof, Essentho, Helmighausen und Hesperinghausen verteilen. Bemittelte Leute hatten für 6 Pfd. Brot 5 Silbergroschen zu zahlen. Waren die Ernten der 2 folgenden Jahre schon nicht sonderlich gut, so wurde 1846 und zumal 1847 noch schlimmer als das Jahr 1843. Der Winter war ungewöhnlich strenge gewesen, das Winterkorn war ausgefroren, dies und die schlechte Ernte des vorigen Jahres verursachte eine solche Teuerung, wie sie im ganzen Jahrhundert noch nicht erlebt war. Graf Stolberg ließ für die Armen in seiner Küche backen und durch den landwirschaftlichen Verein Korn und Kartoffeln kaufen. Roggen kostete der Scheffel 6 Reichstaler, Weizen 7 Reichstaler, Hafer 2 Reichstaler, für damalige Zeit fast unerschwinglich.

Nach dem Kriege 1870/71 kam dann der Aufschwung, und wer jetzt das stattliche Dorf sieht mit seinen sauberen Häusern, seinen vielen Neubauten, der großen Kirche, der wird darin das frühere Dorf mit seinen niedren Hütten, in denen so oft Hunger und Armut wohnten, nicht wieder erkennen.

Auch der dritte der Schrecken, um dessen Abwendung wir in der Allerheiligen Litanei beten, der Krieg, suchte im Laufe der Zeiten Westheim heim, oder forderte unter den Einwohnern seine Opfer. Am schwersten litt es wohl in der älteren Zeit unter der Bengler- oder Stiftsfehde 1384-1394, und dann im Soester Krieg 1444-49. Im Jahre 1496 brannte am Thomasabend (20./21.) Dezember das Dorf Dorpede, Dörpede ab, das zwischen Westheim und Billinghausen gelegen, auf beiden Diemelufern gestanden haben soll. Die Bewohner bauten sich nun in Westheim an, und keine Spur zeigt mehr die Stelle, wo Dorpede gestanden; nur die Sage erzählt, daß am Karsamstag Morgen die Glocken der versunkenen Kirche mitläuten.

Der 30 jährige Krieg brachte viel Unheil über die hiesige Gegend. Das "Unterhaus Westheim" der Freiherrn von Calenberg und mit ihm ein Teil des Dorfes gingen in Flammen auf. Nach einer Münze, die man 1892 beim Abbruch der gräflichen Ökonomie fand, muß es im Jahre 1631-1632 gewesen sein, in den Pappenheim-Hessischen Kriegszügen.

Auch für den 7 jährigen Krieg war hier der Schauplatz. Am1. Dezember

1758 überschwemmten Engländer, Hessen, Braunschweiger das Paderborner Land, kein Dorf blieb verschont. Hier in Westheim herrschte entsetzliche Not.

Als 1807 Napoleon seinen Bruder Jerome zum König von Westfalen machte, trat auch für Westheim eine Veränderung ein. Es hatte bis zur Säkularisation dem Fürstentum Paderborn zugehört, nun wurde es als Comune Westheim dem Departement der Fulda, mit Paderborn als Unterpräfektur dem Canton Wünnenberg eingegliedert.

Ob an dem russischen Feldzug Napoleons auch Westheimer teilnahmen ist nicht gewiß. (Anmerk. Wolfgang Becker: Mindestens ein Soldat ist nachweislich von Westheim nach Russland marschiert und nie

zurückgekommen.) Nach der großen Schlacht bei Leipzig im Jahre 1813 kamen am 8. September die ersten Kosaken durch Westheim, auf der Verfolgung Jeromes. Zu dem unter "Landwehr" in Paderborn errichteten Regiment stellte Westheim 31 Mann, viele folgten zudem freiwillig als Jäger dem "Allgemeinem Aufrufe". Die sämtliche waffenfähige Mannschaft übte als Landsturm jeden Sonn- und Feiertag mit Lanzen und Gewehren zu Fürstenberg, unter Freiherrn von Hartmann, der der Kommandant war.

Als Napoleon nach 100 Tagen Elba verließ und der Krieg von neuem entbrannte 1814, wurde auch dies Paderborner Landwehrregiment einberufen und in den Niederlanden stationiert, dort fanden in der Schlacht bei Waterloo 2 Westheimer: Franz Fleckner und Christian Ashauer den Heldentod. Zum dänischen Krieg 1864 schickte Westheim 20 Soldaten. Einer von ihnen, Wilhelm Drindel, starb in Schleswig-Holstein an einer Krankheit, alle anderen kamen glücklich wieder heim, Joseph Koch wurde durch den Arm geschossen, doch heilte die Wunde gut.

1866 wurden zum preußisch-östereichischen Krieg 50 Mann einberufen, alle kamen heil wieder.

Zum Krieg 1870/71 stellte Westheim 24 Reservisten, von diesen fiel ein Mann, von den Linienleuten 4.

 

Manch tapferer Veteran aus den drei Kriegen erzählte voll Stolz, zumal beim jährlichen Kriegerfeste, aus seinen Erinnerungen und Erlebnissen, und wie aufmerksam hörte man ihnen zu! Wer dachte, daß wir selber die Schrecken eines Krieges erleben sollten. Dann kam der Weltkrieg 1914-18.

Westeim sandte viele, viele seiner Söhne hinaus, 34 erlitten den Heldentod. In der Kirche ist ihrem Gedächnis der Altar der vschmerzhaften Mutter errichtet bworden. Für die heimgebliebenen Einwohner waren die Kriegsjahre Zeiten Banger Sorge, tapferen Entsagens und Aushaltens. Möge Gott nun Segen daraus erwachsen lassen, daß der Geist der Gottesfurcht und der fromme Glaube nie schwinden wird.

 

Entnommen aus:

Heimatbuch des Kreises Büren 1923

Gräfin Stolberg

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