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Marsbergs Fundstück des Monats April 2015 beschäftigt sich mit der „Urwahl“ –

Erster, demokratischer Wahlkampf anno dazumal im Jahr 1848

 

Westheim.Eine absolute Rarität erhielt jetzt der Marsberger Geschichts- und Heimatverein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ für die Sammlungen des Museums „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“. Die originale Urkunde aus dem Jahr 1848 zeigt die Anfänge der Demokratie und blickt auf das Wahlrecht samt der Wahlordnung. Dieses Relikt wurde nun von den „Marsberger Geschichten“ zu Marsbergs Fundstück des Monats April 2015 prämiert. Der Sauerlandkurier stellt die geschichtlichen Hintergründe exklusiv vor. Zur damaligen Zeit lebte Joseph Theodor Graf zu Stolberg-Stolberg in Westheim. Dort hatte er bereits im Jahr 1840 das sogenannte „Gut Westheim“ erworben. Stolberg wurde am 12.08.1804 auf Haus Lütkenbeck geboren und starb am 05.04.1859 in Rumillies in Belgien. Sein Vater war der bekannte, zum Katholizismus konvertierte Jurist und Dichter Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg. Er war befreundet mit Johann Wolfgang von Goethe, Matthias Claudius und Johann Gottfried von Herder. Joseph Theodor Graf zu Stolberg-Westheim studierte in Münster und Bonn. Im Jahr 1824 trat er als Novize in den Jesuitenorden ein. Innerhalb des Ordens verbrachte er in Brig, Freiburg und Rom weitere Studienzeiten. 1834 schied er aus dem Orden aus und trat in das österreichische KuK-Militär ein. Dort brachte er es bis zum Leutnant. 1837 kehrte er nach Preußen zurück. In seiner Zeit in Westheim, das damals noch zum Kreis Büren gehörte, wurde er 1843 durch die Landstände des Kreises aus drei Kandidaten als Landrat ausgewählt. Preußischer Landrat konnte nur werden, wer Grundbesitz im Landkreis hatte, in Unabhängigkeit garantierenden Vermögensverhältnissen lebte und seine fachliche Qualifikation in einer Prüfung nachwies. 1843 erfolgte durch Graf Stolberg erst eine kommissarische Übernahme der Verwaltung des Bürener Landratsamts, die 1845 eine Ernennung zum Landrat Bürens zur Folge hatte. Darüber hinaus war Stolberg Mitglied des westfälischen Provinziallandtages. 1848 kam es in deutschen Landen zu Revolutionen. Auch in Westheim gab es Proteste von Bauern, die gegen das Gut „marschierten“. Als Landrat forderte Graf Stolberg das Militär an, da es bereits Ausschreitungen und Brandstiftungen gegen das Schloss Fürstenberg gegeben hatte. Aufgebrachte, teils angetrunkene Bauern versammelten sich beim Schloss und verlangten die Ablösung von gutsherrlichen Lasten. Graf Stolberg versuchte sie zu beruhigen. Was zunächst nicht gelang. In der Chronik steht aber geschrieben: „Allein mit der Nacht kam die Ruhe, des folgenden Morgens war Westheim wieder nüchtern und die Revolution war vorüber…“. Aus dieser „Revolutionszeit“ resultierend entstand auch ein Kreuz auf dem Büchenberg. Dieses ist allerdings eine andere Geschichte. Marsbergs Fundstück des Monats wiederum ist ein Flugblatt an die damaligen Bewohner des Kreises Büren. Es wurde in Paderborn bei der „Junfermann´schen Buchdruckerei“ erstellt. Landrat Graf Stolberg hatte es im April 1848 von Westheim aus in Auftrag gegeben. Es handelt sich um den ersten Aufruf zur sogenannten „Urwahl“, der Wahl zur Nationalversammlung. In dem Wahlaufruf bittet Graf Stolberg als Landrat die Bürger in seinem „Wort des Ernstes und der Liebe“: „Mit dem plötzlich eingetretenen Wechsel unsrer öffentlichen Verhältnisse, sind mancherlei Wünsche und Bestrebungen aufgetaucht, deren Gegenstand denen von welchen sie ausgingen nicht klar war…“. Graf Stolberg verweist darauf, dass die Bürger mit Überlegung und Anstand zu den „bevorstehenden Urwahlen“ gehen sollten, da sie „für uns von größter Wichtigkeit sind“. Er schreibt auch, wem die Stimme nicht zu erteilen sei: „Jene, die aller geistigen Güter baar, ihr zeitliches Vermögen durch Liederlichkeit und Prozeßkrämerei verloren haben, solche wollen wir nicht wählen.“ Ferner: „Jene, deren Glaubensbekenntnis uns höchstens aus den Taufbüchern bekannt ist, die aber die Kirchenluft nicht vertragen können… solche wollen wir unter keinen Umständen wählen.“ Auch „Männer ohne Erwerb“, die „von Haus zu Haus ziehen“, „Quertreibereien und Feindschaften anstiften“, die „hinter vollem Glase über die Welt den Stab brechen“ oder die nur auf ihren eigenen „Dünkel gestützt sind“ waren lt. Graf Stolberg nicht wählbar. Zu Letzt verweist Stolberg auf die „guten Christen“. „Freiheit ist das allgemeine Loosungswort“. „Wehe dem“, „der mit Geschenken“ die Wahl zu beeinflussen versuchte. Auch dem „Branntwein“ sagte er dem Kampf an. Zur Wahl bat er: „Nüchtern, im vollen Frei-Genusse unsrer Sinne… an´s Werk“ zu gehen. Im April 1848 reichte Graf Stolberg seinen Abschied als Landrat ein, der im Juni des Jahres ausgesprochen wurde. Man wählte Stolberg in die Nationalversammlung. Im Jahr 1849 war er an der Gründung der Zeitung „Deutsche Volkshalle“ in Köln und eines Anti-Duellvereins beteiligt. Später entsandte man ihn nach Berlin in die zweite Kammer des Preußischen Landtags für den Wahlkreis Büren-Warburg-Höxter. Als führender Vertreter des politischen Katholizismus im 19. Jahrhundert gründete er vor Ort den Piusverein und in Regensburg den deutschen Bonifatiusverein. Bis zu seinem Tod in 1859 war er auch deren erster Präsident. Nähere Informationen zum Fundstück des Monats finden Sie unter: www.Marsberger-Geschichte.de          

 

Fotos im Anhang:

 

01        Marsbergs Fundstück des Monats April 2015: Der Urwahl-Aufruf vom Bürener Landrat Joseph Graf zu Stolberg-Westheim aus dem Jahr 1848 an die Bevölkerung.

 

02        Ein zeitgenössisches Bildnis von Joseph Graf zu Stolberg-Westheim.

 

03        Das Westheimer Schloss im Jahr 1874.

 

 

 

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